Anton Bruckner
Symphony No. 9 Completed Version
London Philharmonic Orchestra • Gerd Schaller
hänssler PROFIL PH26022
1 CD • 80min • 2026
23.06.2026
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Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Anton Bruckners 9. Sinfonie entstand ab 1887, wurde somit gleich nach der ersten Fassung der Achten in Angriff genommen. Sie ist nach Aussagen des Komponisten „dem lieben Gott“ gewidmet, blieb jedoch Fragment, da für das Finale nur – wenngleich recht ausführliche – Skizzen zur Verfügung stehen, von deren Blättern nach dem Tod des Komponisten einige entwendet wurden. Deshalb hat es mehrere Komponisten und Dirigenten gereizt, eine mögliche Fassung zu rekonstruieren. Der eminente Bruckner-Kenner Gerd Schaller, der bereits 2014 eine solche Fassung erstellt hatte, hat sich 10 Jahre später erneut an die Arbeit gemacht und diese viersätzige Fassung mit den Londoner Philharmonikern eingespielt.
Das Problem der Rekonstruktion
Vom Finale der Neunten liegen 440 Takte in Bögen der originalen Partitur vor. Aus Verlaufsskizzen lassen sich weitere 117 Takte rekonstruieren, wobei der Bearbeiter jedoch entscheiden muss, wo er diese an den Lücken, die vor allem Durchführung und Reprise betreffen, einsetzt. Glücklicherweise ist die Exposition bis auf wenige Takte vollständig erhalten, unglücklicherweise fehlt die triumphal gedachte Coda vollständig, sodass sich hier die größten Abweichungen in den unterschiedlichen Komplettierungen finden. Schließlich weiß niemand, wie umfangreich dieser Abschnitt gedacht war.
Der Kampf mit dem Material
Bruckner hat sich mit diesem Finale offensichtlich schwergetan. Die Themen sind weniger schlagkräftig als die der drei vorangehenden Sätze, die fraglos das Genialste und Zukunftsweisendste in Bruckners Gesamtwerk darstellen. Bereits das erste eigentliche Thema mit seinen fallenden Sexten und ohne eigentlichen Abschluss hat etwas unbestimmt-mäanderndes. Da das Thema der Gesangsepisode sich ebenfalls davon ableitet, wird eine Kontur, die Orientierung bietet, erst mit dem strahlend nach E-Dur gewendeten b-Moll-Choral des Adagios in der dritten Themengruppe erreicht.
Dieses vage Umherirren gibt zu mehreren Erklärungsmodellen Anlass:
1. Bruckner bezeichnete den b-Moll-Choral des Adagio als „Abschied vom Leben“. Somit wäre es also möglich, dass zu Beginn des Finales das Irren der Seele durch das Fegefeuer dargestellt wird.
2. Bruckner war sich der Schöpfungshöhe der ersten drei Sätze vollauf bewusst, sah sich jedoch außerstande, diese mit einer Apotheose zu krönen. Richard Strauss, der über wesentlich mehr Selbstbewusstsein verfügte, hätte die Sätze wahrscheinlich mit „Der Held“, „Die Feinde“ (Scherzo), „Des Helden Liebessehnen“ (Adagio), „Finale -Die Aufnahme des Helden ins Paradies“ überschrieben.
3. Reflektiert man Bruckners Arbeitsweise, stellt man fest, dass am Anfang die Festlegung der Struktur nach architektonischen Grundsätzen erfolgte und Verläufe festgelegt wurden, um sich erst dann mit der melodischen Ausgestaltung zu beschäftigen. Da diese Ausgestaltungsphase noch nicht erreicht war, entsteht der Eindruck einer permanenten Durchführung ohne Themen.
Ein Interpretation, die unter die Haut geht
Gerd Schaller und die Londoner Philharmoniker legen eine Einspielung der drei ersten Sätze vor, die wahrhaft unter die Haut geht. Der Kopfsatz drängt energisch vorwärts und wirkt deshalb in den lyrischen Episoden ungemein anrührend, weil nicht verzärtelt. Das Scherzo, in dem ein jüngerer Bruckner einen schlichten Quint-Oktav-Klang gesetzt hätte, hier jedoch brutal die Quinte A durch die benachbarten Töne B und Gis ersetzt, erhält die ihm zukommende Dämonie, deren Unheimlichkeit auch im Fis-Dur-Trio nicht aufgehoben wird. Architektonisch souverän und zu Tränen rührend die Übersteigerung der Tristan-Chromatik im Adagio, dessen unaufgelöster Tredezimen-Akkord – Vorbild für den Elfklang in Mahlers Zehnter – hier wirklich Furcht erregt. Schallers Version des Finales ist mit etwas über 20‘ und 724 Takten um fast 100 Takte länger als das anderer Rekonstrukteure. Dadurch stimmen die Proportionen, die leiden, wenn man es bei einer Spieldauer von nur einer guten Viertelstunde belässt.
Schallers Booklet Text ist hochinformativ. Die Aufnahmetechnik bildet das weite Dynamikspektrum hervorragend ab. Da das Finale nur bei hohem Pegel seine Spannung entfaltet, empfiehlt es sich, die Ruhezeiten zu beachten.
Fazit: Stringente Aufnahme der drei vollendeten Sätze, durchdachte Version des Finales, wobei es interessant ist, hier die unterschiedlichen Lösungen zu vergleichen, die alle Stärken, jedoch auch Schwächen haben.
Alternativen: Simon Rattle, Berlin PO, Samale-Philips-Cohrs-Mazzuca, Warner
Gibbons, Aarhus SO, Josephson, Danacord
Thomas Baack [23.06.2026]
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Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Anton Bruckner | ||
| 1 | Sinfonie Nr. 9 d-Moll (nach originalen Quellen ergänzt und vervollständigt von Gerd Schaller) | 01:19:45 |
Interpreten der Einspielung
- London Philharmonic Orchestra (Orchester)
- Gerd Schaller (Dirigent)
