Joseph Haas
Sämtliche Violinwerke
Ludmila Pavlová Violine • Alissa Firsova Klavier
Ars Produktion 38 699
1 CD • 75min • 2025
12.05.2026
Künstlerische Qualität:![]()
Klangqualität:![]()
Gesamteindruck:![]()
Klassik Heute
Empfehlung
Im Vergleich zur Menge und hohen Qualität der Werke aus nahezu allen Genres, die Joseph Haas komponiert hat, ist die Diskographie dieses 1879 in Maihingen bei Nördlingen geborenen und 1960 in München verstorbenen Komponisten beschämend schmal. Zentrale Werke seines Schaffens wie etwa die Sonate c-Moll für Orgel, op. 12 (1907), die Sonate F-Dur für Horn und Klavier, op. 29 (1910), oder das Kammertrio a-Moll op. 38 (1912), haben es bis heute nicht auf einen Tonträger geschafft – ganz zu schweigen von den vielen Messen, Oratorien, Bühnen- und Chorwerken sowie Liedern mit und ohne Instrumentalbegleitung. Eine Komposition, die ich persönlich bis dato besonders schmerzlich auf CD vermisst habe, ist Haas’ einzige Violinsonate. Die tschechische Geigerin Ludmila Pavlová und die britisch-russische Pianistin Alissa Firsova haben sie nun für das Label Ars Produktion eingespielt, zusammen mit den übrigen Werken, die Haas für Violine und Klavier komponiert hat. Wir hören: die (aufeinander bezogenen und je dreisätzigen) Zwei Sonatinen op. 4 Nr. 1 in g-Moll und Nr. 2 in D-Dur von 1905 (Dauer: beide ca. 13 Minuten), die Sonate h-Moll aus dem Jahr 1908 (Dauer: ca. 26 Minuten) und die zwei (ebenfalls aufeinander bezogenen und je dreisätzigen) Grillen-Suiten, Heft I & II, op. 40, von 1912 (Dauer: beide ca. 11 Minuten).
Sonatinen op. 4 – alles andere als leichtgewichtig
Wolfgang Haas, Enkel des Komponisten, Vorsitzender der Joseph-Haas-Gesellschaft e.V., Betreiber der Website www.joseph-haas.de und Spiritus Rector (nicht nur) dieser Einspielung von Werken seines Großvaters, bemerkt in dem von ihm selbst verfassten Booklet-Text, dass die Jahre zwischen 1905 und 1912, in denen die Klavier-Violin-Kompositionen entstanden sind, genau den Zeitraum abbilden, in denen sich Joseph Haas vom Reger-Schüler zum selbstständigen Komponisten mit eigenem Stil entwickelt hat. Das ist sicher richtig, heißt aber nicht, dass wir es hier mit epigonaler Musik zu tun haben. Denn schon die beiden frühen Sonatinen sind bei aller Reger-Nähe so einfallsreich und meisterhaft konzipiert, dass man als Hörer das Gefühl hat, dass jede Note dieser – auf den Punkt ausponderierten – Werken „sitzt“. Die (nur scheinbar) „leichte“ Sonatinen-Form ist hier – genau wie bei Haas’ Mentor Reger – keine Lizenz für kompositorische „Leichtsinnigkeiten“, sondern im Gegenteil ein (bravurös eingelöster!) Anspruch, auf engem Raum und in kurzer Zeit konzentrierte Ergebnisse zu liefern, die die Schwere der Aufgabe vergessen lassen und dabei noch hoch poetisch sind. Jede der Sonatinen ist ein kleiner eigenständiger Kosmos für sich, gleichwohl bilden sie – die erste in Moll, die zweite in Dur – eine Einheit. Es empfiehlt sich deshalb, sie hintereinander zu hören. Man findet eine ganze Welt, sozusagen en miniature, in ihnen: Poesie, Anmut, Leichtigkeit und Tiefsinn herrlich gemischt, viel Humor, nie derb oder burlesk wie oft bei Reger, sondern stets auf eine sehr geistvolle Art verspielt. Und die humanistisch grundierte Musik-Philosophie, die der Komponist in seinen späteren Jahren formulierte, passt ganz wunderbar schon auf diese Frühwerke: „Die Musik soll erfreuen, nicht beleidigen; sie soll erschüttern, nicht zerschmettern; sie soll veredeln, nicht banalisieren.“
Sonate op. 21 – ein Genre-Juwel
Mit der Sonate op. 21 in pathetischen h-Moll betreten wir eine andere Welt. Und fast noch mehr als bei den Sonatinen ist auch die Sonate durch die „Schaltwerke“ Regers gegangen, bis in die Satzabfolge hinein (der langsame Satz „Larghetto e tranquillo“ folgt NACH dem schnellen und dreigeteilten „Scherzo – Andante cantabile – Scherzo“). Ihrem Vorbild Reger folgt die Sonate vor allem im Hinblick auf ihre „zerklüftete“ Harmonik und Chromatik sowie ihren schweifenden Gestus, vor allem im ersten Satz „Allegro energico“. Und natürlich ist der tiefe, ergreifende und wunderbar innige langsame Satz auch hier der Ruhepol und das Gravitationszentrum des Werks. „Regerisch“ geriert sich auch das finale und hoch energetische „Rondo capriccioso“. Bei aller Nähe zum großen Vorbild gilt aber auch hier: Haas ist zwar ein getreuer Schüler, aber kein Epigone seines Mentors. Denn alle oben genannten Eigenschaften, die bei dem selbsterklärten „Accord-Arbeiter“ oft exzessiv und bis zum „Tendenziösen“ (Edvard Grieg über Reger) ausgeführt werden, ist Haas’ Musik immer einen Tick moderater, konzilianter und zugewandter als die seines Lehrers, wobei hier kein Wert- und Geschmacksurteil ausgesprochen sein soll. Die Art und Weise, wie Haas sich die Sprache seines musikalischen (Über-)Vaters angeeignet hat, erinnert mich an diejenige Johanna Senfters, die ihr Handwerk ebenfalls bei Reger erlernt hatte. Bei allen Unterschieden der zwei Komponisten: Beiden gelingt es, sich in dieser „Sprache“ auf eine unverkennbar eigene Weise auszudrücken und ihr sozusagen eine je individuelle Syntax und Semantik zu verleihen. Eines lässt sich auf jeden Fall sagen: Wer die Violinsonaten von Max Reger liebt – sie zählen meiner Ansicht nach zum Besten, was dieses Genre im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu bieten hat –, der wird bei Haas’ h-Moll-Sonate ganz unbedingt auf seine Kosten kommen.
„Grillen“ – ohne Holzkohle und Insekten
Bei dem Wort „Grillen“ denk man heute entweder an die gleichnamige und zumeist von Männern ausgeführte Tätigkeit im Freien – oder an die zur Familie der Langfühlerschrecken gehörenden Insekten und ihr charakteristisches Zirpen. Beides ist in der „Grillen“ titulierten Suite op. 40 Nr. 1 und 2 von Joseph Haas nicht gemeint. Im 18. und 19. Jahrhundert war der Begriff (im Plural) ein Synonym für Launen, Schrullen und wunderliche Einfälle einer Person. Das Insekt war zwar der Pate der Metapher, ein „Grillenfänger“ war aber jemand, der eine Marotte, einen Tick oder Fimmel hatte. Und das waren zumeist die (verhinderten) Künstler, Sonderlinge und Exzentriker der Zeit. Entsprechend launenhaft geht es in diesen beiden Suiten zu, die man, genau wie die beiden Sonatinen, unbedingt hintereinander hören sollte. Wolfgang Haas schreibt im Booklet, dass das op. 40 „eines der reifsten Kammermusikwerke“ aus der Feder seines Großvaters ist, mit dem dieser auf dem Tonkünstlerfest 1914 in Essen große Erfolge feiern konnte. Tatsächlich treten wir mit der Suite in eine etwas andere Musikwelt ein. Klavier und Geige werden selbstständiger geführt, der „Reger-Ton“ ist deutlich zurückgenommener, aber immer noch vernehmbar. Der Humor ist hier noch feiner und freier als in den Sonatinen. Transparenz und Farbigkeit bestimmen das Klangbild. Das ist ganz zweifellos großartige Musik im kleinen, feinen und „zierlichen“ Gewande, um es mit dem zweiten Satz zu sagen. Vieles mutet hier eher „mendelssohnesk“ als „regerisch“ an, auch wenn es im letzten Satz mitunter „etwas derb“ zugeht. Am besten ist, man lauscht diesen „Grillen“ mit den laut Nietzsche für Mendelssohns Musik erforderlichen „Eidechsenohren“; dann offenbaren sie ihren ganzen Hintersinn, Reichtum und Zauber.
Starke Darbietungen
Dass dieses Album in wirklich jeder Hinsicht Freude macht, ist vor allem den beiden Interpretinnen zu verdanken, die genau den richtigen Ton der jeweiligen Werke treffen. Die Lesarten sind, je nachdem, heiter verspielt oder tief traurig, von großer Empathie getragen und ausgewogen im besten Sinne des Wortes. Pavlovás warmer und emotional grundierter Geigenton begeistert mich genau so wie Firsovas makelloses Klavierspiel, die beiden bilden wirklich eine perfekte Einheit. Das Klangbild der CD könnte besser kaum sein – und auch das Cover-Artwork kann sich sehen lassen. Alles in allem ein Album, das den leider immer noch weithin unterschätzten Komponisten Joseph Haas ins beste Licht rückt und ganz unbedingt neugierig macht auf weitere Tonträger mit seiner Musik. Wolfgang Haas ließ mich wissen, dass einige CDs schon „in der Pipeline“ sind – wir dürfen uns also freuen!
Dr. Burkhard Schäfer [12.05.2026]
Anzeige
Komponisten und Werke der Einspielung
| Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
|---|---|---|
| CD/SACD 1 | ||
| Joseph Haas | ||
| 1 | Sonatine g-Moll op. 4 Nr. 1 | 00:13:59 |
| 4 | Sonatine D-Dur op. 4 Nr. 2 | 00:14:22 |
| 7 | Sonate h-Moll op. 21 | 00:23:56 |
| 11 | Grillen op. 40 (Suite I) | 00:11:09 |
| 14 | Grillen op. 40 (Suite II) | 00:11:12 |
Interpreten der Einspielung
- Ludmila Pavlová (Violine)
- Alissa Firsova (Klavier)
