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Besprechung CDFrom Mendelssohn To Madness

From Mendelssohn To Madness

Felix Mendelssohn Bartholdy • Sergej Prokofiev
Anastasiya Bazhenova piano

Etcetera KTC 1866

1 CD • 50min • 2025

01.05.2026

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 8

Die russische, in Norwegen lebende Pianistin Anastasiya Bazhenova legt ihr Debüt-Album vor. Das Programm „From Mendelssohn to Madness“ versteht sie psychologisch, als Spiegel der menschlichen Erfahrung im Krisenzustand. Das Album beginnt mit einigen von Mendelssohns „Liedern ohne Worte“. Anastasiya Bazhenova erkundet die Stücke eindringlich und gefühlvoll, aber ohne aufgesetzte Sentimentalität. Dabei entdeckt sie in der ruhigen Klarheit dieser Musik erste Anzeichen von Instabilität. So offenbart sie im Perpetuum-mobile-Schnurren des Liedes op. 67/4 eine unterschwellige Bedrohung.

Mendelssohns dunkle Seite

Die „Lieder ohne Worte“ sind zugleich ein Symptom der Krise der Sonatenform, die im 19. Jahrhundert zunehmend als einschränkendes Korsett wahrgenommen wurde. Die Komponisten bevorzugten freie Formen, um ihre individuelle Kreativität in Töne zu fassen.

Davon zeugt auch Mendelssohns fis-Moll-Fantasie op. 28, wo die zerstörerischen Fliehkräfte mit letzter Kraft vom klassizistischen Formwillen im Zaum gehalten werden. Anastasiya Bazhenova treibt dem Stück mit ihrem klaren, markanten, energiegeladenen Anschlag jegliche romantische Sentimentalität aus. Sie deckt zahlreiche Momente der Anspannung auf: Im Kopfsatz erzeugt sie Unruhe mit rauschenden Arpeggien. Im Mittelteil spitzt sie die Trugschlüsse zu, sodass der Hörer den tonalen Boden unter den Füßen verliert und durch ein harmonisches Labyrinth taumelt. Bazhenovas Presto-Finale explodiert geradezu in der stürmischen Fortissimo-Kadenz.

Anschließend gibt es einen kontrastreichen Sprung zu Sergej Prokofjews Klaviersonate Nr. 6 op. 82. Als die erste der drei „Kriegssonaten“ 1939 entstand, fielen engste Freunde des Komponisten der stalinistischen Kulturpolitik zum Opfer. Russland stand kurz vor Kriegseintritt. Die Welt geriet aus den Fugen.

Soundtrack zum Weltuntergang

Kraftvoll und mit der perfekt-brillanten Spieltechnik der „russischen Schule“ hält Bazhenova die großen Dimensionen der Sonate im Zaum. Im Kopfsatz hört man barbarische Märsche, hammerschwere Akkorde, schreiende Dissonanzen. Im sanglichen Allegretto gewährt die Pianistin bei jazzigen Synkopen eine Atempause. Im Finale geht sie wieder in die Vollen und ruft bei raschen Tonrepetitionen und motorischen Ostinati geradezu den Eindruck von Gewehrsalven hervor. Eine faszinierende Interpretation, die sich mutig in alle Gefühlsextreme stürzt!

Bazhenova versteht ihr Album als großen Bogen: als innere Reise von der Gewissheit über die Instabilität zum Zusammenbruch. Bei Prokofjew handelt es sich aber nicht um „Verrücktheit“, wie es der Albumtitel suggeriert. In der Kriegssonate op. 82 bricht nicht etwa der Wahnsinn aus, sondern der Komponist zwingt das Chaos in eine kontrollierte, geradezu militärisch-präzise Ordnung. Keinesfalls handelt es sich um bloßen Seelen-Striptease.

Antje Rößler [01.05.2026]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Felix Mendelssohn Bartholdy
1Lied ohne Worte Nr. 1 E-Dur op. 19b – Andante con moto
2Lied ohne Worte As-Dur op. 38 Nr. 6 (Duettino) – Andante con moto 00:02:31
3Lied ohne Worte E-Dur op. 67 Nr. 6 (Wiegenlied) – Allegro non troppo 00:02:46
4Lied ohne Worte op. 67 Nr. 4 – Presto 00:01:53
5Lied ohne Worte fis-Moll op. 67 Nr. 2 – Allegro leggiero 00:02:33
6Lied ohne Worte D-Dur op. 85 Nr. 4 – Andante sostenuto 00:02:57
7Fantasia fis-Moll op. 28 (Sonate écossaise) 00:14:15
Sergej Prokofjew
8Klaviersonate Nr. 6 A-Dur op. 82 00:28:21

Interpreten der Einspielung

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