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Texte: Wettbewerbe

Jugend und Alter im Wettstreit

Der zweite „Sviatoslav Richter“-Wettbewerb in Moskau

Erst kürzlich hörte ich wieder einmal Sviatoslav Richters Einspielung des c-Moll-Konzerts von Rachmaninoff mit der Warschauer Nationalphilharmonie unter der Leitung von Stanislaw Wislocki (vor ein paar Jahren in der Originals-Reihe der Deutschen Grammophon wiederaufgelegt!). Welch’ ein Strömen, welch ein Zeitgefühl – auch in manchen stark verlangsamten Übergängen –, welch ein stolzes, herrschaftliches, gleichwohl gesundes fortissimo in den Akkordstrecken des ersten Satzes – und welch eine herbe Noblesse, wenn im zweiten Satz eine wundersam sentimentale Lyrik im Dialog mit dem Orchester einsetzt, um im Mittelteil zur glitzernden Explosion vieler, vieler kleiner Klaviernoten zu führen. Genug von dem, denn ich darf ein zweites Mal nach immerhin drei Jahren von einem Klavierwettbewerb berichten, der in der zweiten Hälfte des vergangenen Juni in Moskau stattfand. Es handelte sich um den „Sviatoslav Richter“-Wettbewerb mit seinem ungewöhnlichen Reglement, denn zugelassen sind Interpreten erst ab dem 23. Lebensjahr – dem Lebensjahr von Richters eigentlichem Karriere-Beginn! Im noch krasseren Unterschied jedoch zu anderen Wettbewerben gibt es keine Altersbegrenzungen nach oben. So kam es in diesem Jahr, dass ein 73jähriger deutscher Pianist namens Franz Eichberger gemeldet war und auch auf dem altehrwürdigen Podium des Moskauer Konservatoriums erschien. Etwas abgehetzt, nervös in den schwierigen Passagen von Beethovens Appassionata, denn er war auf der Fahrt vom Hotel zum Konzertsaal im üblichen Verkehrstau stecken geblieben…

Eichberger ist kein Neuling im Klaviergeschäft – ich kann mich aus meiner Schulzeit an eine Rundfunkaufnahme der Scriabin-Préludes op. 11 erinnern (eine Produktion des Hessischen Rundfunks). Aber in den folgenden Jahren ist er mir nicht mehr begegnet. Und umso mehr weckt es Neugier, einen älteren, mutigen, vom Äußeren an Brahms erinnernden Mann zu begegnen, der sich im Namen Richters der Bewertung einer internationalen Jury aussetzt und zugleich den Jüngeren, technisch zumeist sicheren, in musikalischen Fragen freilich äußerst unterschiedlich begabten Wettbewerbsteilnehmern stellt. Diesem Franz Eichberger gelang nach der etwas verrutschten Appassionata eine in jeder Hinsicht gedankenvolle, im Finale des zweiten Satzes sogar treffsichere Schumann-Fantasie (op. 17) – aber im Kreis der Juroren verfehlte er in persönlicher Abwägung aller Erlebnisse im Verlauf des ersten Durchgangs nur knapp die erforderliche Mehrheit für die zweite Runde.

Die Jury in Moskau – der ich die Ehre hatte anzugehören – war in dieser zweiten Edition des Richter-Wettbewerbs nicht nur prominent besetzt, sondern auch aus ganz bestimmten Gründen „limitiert“. Man hatte im Vorfeld der Konkurrenz beschlossen, nur noch solche Juroren zuzulassen, die keine berufliche Funktion als Professoren ausübten. Der Grund – und auch andere Wettbewerbe sollten sich daran ein Beispiel nehmen: Man kommt gar nicht erst in die unangenehme Situation, einen Schüler beschützen zu müssen, einen Konkurrenten zugunsten des eigenen Schülers niedrig zu bewerten; und selbst wenn man für den eigenen Schüler nicht punkten darf, so fehlt diesem eine wichtige Stimme.

So Jean-Bernard Pommier (li.) und Tamás Vásáry
Jean-Bernard Pommier (li.) und Tamás Vásáry
Foto: Peter Cossé
setzte sich mit Valery Afanassiev, Idil Biret, dem deutschen Pianisten und Journalisten Thomas Böttger, mit Bella Davidovich, Bruno Canino, Natalia Gutman, Anna Malikova, Jean-Bernard Pommier, Viktoria Postnikova, Dario de Rosa, Tamás Vásáry, Menachem Wiesenberg und dem chinesischen Multifunktionär, dem aus Shanghai kommenden Pianisten, Wettbewerbschef und Festival-Leiter Xu Zhong ein hörendes, staunendes, am Ende auch streitendes Komitee zusammen, das eine schöne, aufregende Zeit in der boomenden, sündteuren Hauptstadt Russlands verbringen durfte.

Den Sergey Kasprov
Sergey Kasprov
Foto: Peter Cossé
Verlauf des Wettbewerbs zeichnete vor allem ein starkes Angebot an exzentrischen jungen und „mittelalterlichen“ Persönlichkeiten im Alter von etwa 30 bis 40 Jahren aus. Extravagante, fast schon schockierende Interpreten wie der Russe Sergey Kasprov, dessen unfassbar eigenwillige Scarlatti-Interpretation mir wie eine akustisch-filmische Bebilderung alles Spanischen in Erinnerung bleiben wird. In der zweiten Runde wirke er weniger vorbereitet, lieferte eine verschwommene, unkonzentrierte Petruschka-Suite von Strawinsky.

Auf Evgeni Bozhanov
Evgeni Bozhanov
Foto: Peter Cossé
einen ersten Preis mochten sich die Juroren aus musikweltanschaulichen Gründen nicht einigen – zu sehr gehen da die russischen, asiatischen und europäischen Vorstellungen auseinander. Immerhin ist von einem phänomenal begabten, 24-jährigen Bulgaren auf dem zweiten Platz zu berichten, der Rachmaninoffs c-Moll-Konzert für den slawischen Geschmack ein wenig zu freundlich, zu wenig tränenvoll gestaltete, aber im Verlauf von rund drei Stunden Wettbewerbsvortrag sich als glänzender Techniker, euphorischer, gleichwohl jederzeit kontrollierter Mozart-, Chopin- oder auch Schubert-Gestalter erwies. Sein Name: Evgeni Bozhanov. Ihm zur Seite wurde die 32jährige Koreanerin Jong-Gyung Park platziert, deren fast schon fanatische Interpretation der Lisztschen Tarantella eine der vielen Höhepunkte des Wettbewerbs war.

Peter Cossé [18.8.2008]

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