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Unentrinnbarer dramatischer Sog

Ivan Ilić im Pianosalon Christophori in Berlin

Ivan Ilić

Ivan Ilić
Foto: Michelle Blioux

Manche Interpreten vertiefen sich in immer die gleichen Lieblingswerke, um aus ihnen immer neue Facetten und Bedeutungen zutage zu fördern; andere legen Wert auf Vielseitigkeit und sind stets auf der Suche nach Neuem. Zu letzteren zählt der Pianist Ivan Ilić.

Der in Paris lebende Amerikaner serbischer Abstammung beeindruckt mit der enormen Spannweite seines Repertoires und schafft darin ungewöhnliche Kombinationen, lotet Debussy neu aus, gelangt von Godowskys Chopin-Studien für die linke Hand zu Morton Feldman, in dessen Werk er Verbindungen zum Mystizismus Skrjabins entdeckt, oder setzt sich für die Wiederbelebung eines vergessenen Komponisten wie Lucien Durosoir ein. Im Zentrum seines Recitals im Berliner Pianosalon Christophori steht eine seiner neuesten Entdeckungen: die Sinfomie Nr. 44 e-Moll von Joseph Haydn in der Klavierfassung eines gewissen K.D. Stegmann. Bevor er spielt, erzählt der Pianist deren abenteuerlich Geschichte: Von einer Zufallsbekanntschaft in einem Pariser Supermarkt erhielt eine Musikpromoterin einen Karton voller Noten aus der Hinterlassenschaft einer über 100jährigen Dame, reichte sie zur genaueren Beurteilung weiter. Die Bearbeitung, meint dieser, würde das Werk einmal nicht gegenüber der Orchesterversion verschlechtern, sondern eher verbessern. Und tatsächlich ist ein dichtes Klanggewebe zu erleben, in dem selbst die gefürchteten Akkordrepetitionen und Tremoli nicht simpel oder gar unfreiwillig komisch wirken, wie sonst oft bei Übertragungen vom Orchester aufs Klavier zu hören. So dynamisch, wie Ilić das spielt, so rhythmisch unerbittlich, wird der Hörer eher in einen unentrinnbaren Sog hineingezogen, eine den ganzen Raum in Vibration versetzende dramatische Spannung.

Zugleich gestaltet Ilić sehr flexibel, lässt die Melodik atmen, setzt die Motive farbenreich voneinander ab, pedalisiert klar und differenziert. Ein historisch höchst bewusster Ansatz, der auch Beethovens C-Dur-Rondo op. 51 Nr.1 und eine frühe Es-Dur-Sonate von Mozart voller Sensibilität für „empfindsamen Stil“ erstehen lässt. Er kommt auch noch Chopin-Nocturnes und einer Auswahl aus Skrjabins Préludes op. 11 zugute, zeigt die traditionellen Wurzeln und die Verbindung beider Komponisten deutlich und verzeichtet selbst in wildesten Oktavpassagen auf pseudovirtuosen Tastendonner. Als Zugabe für begeisterten Beifall gibt es Debussy, auch der eher zeichnerisch „clavecinistisch“ klar als „impressionistisch“ vernebelt.

Isabel Herzfeld [18.8.2016]

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Noch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts konzertierte der aus dem galizischen Lemberg stammende Pianist Stefan Askenase reglemäßig in den europäischen Konzertsälen. Das ältere Publikum hatte den Chopin-Interpreten gleichsam abonniert, bei den Jüngeren und im abgehobenen Kreis des deutschsprachigen Kritikernachwuchses galt der zierliche belgisch-polnische Theodor Pollak- und Emil von Sauer Schüler als Vertreter einer konservativen Handhabe, als ein leibhaftiges Fossil vergangener Chopin-Stilistik.

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