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Buchbesprechung

Florian Noetzel Verlag
ISBN 3-7959-0795-0 Wilhelmshaven, 2001

Alfred Stenger
Anne-Sophie Mutter
Die Schönheit des Violinklanges

156 S.

25,00 €

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3-7959-0795-0

Eine Huldigung an die berühmteste Geigerin unserer Zeit zu verfassen, ist die eine Sache. Ihrer Kunst aber mittels der Sprache charakterisierend und urteilend auf die Spur zu kommen, die andere. Alfred Stengers Versuchsanordnung in Sachen Anne-Sophie Mutter wirkt auf den ersten Blick bewundernswert streng: Einzig um „den ästhetischen Aspekt ihres Spiels mit allen seinen Schattierungen“ soll es gehen. Also kein Künstlerporträt, kein langes Geschwafel über Wunderkinddasein, Förderung durch Herbert von Karajan und alles, was man sowieso schon hundertmal gelesen hat – das wird lediglich kurz angedeutet in einer winzigen biographischen Skizze mit eingestreuten Zitaten aus Interviews – sondern nichts als die pure Musik.

Doch was ist das, der „ästhetische Aspekt“ ihres Spiels? Alfred Stenger stellt die auf CD erschienenen Interpretationen der letzten acht Jahre in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Gleichsam nacherzählend läßt er sie Revue passieren, oft geht er Takt für Takt und mit zahlreichen Notenbeispielen ins Detail: Eine Art erläuternder Hörführer zum Mit- und Nachlesen. Also maximale Nähe zum Gegenstand? Gewiß mögen viele seiner Beobachtungen zu genauerem Hinhören Anlaß geben, zu tieferem Einblick in manche Feinheit von Werk und Interpretation verhelfen.

Aber das Wesen der Gestaltungskunst von Anne-Sophie Mutter bleibt – obwohl Stenger sich um größte Nähe zu seinem Gegenstand bemüht – paradoxerweise seltsam fern. Sein sensibel differenzierender Lupenblick auf Einzelheiten wirkt letztlich ermüdend, weil er zu keinerlei erhellenden Gesamtperspektiven führt: Allzu pauschal ist sein abschließendes Fazit, daß die Zusammengehörigkeit von persönlicher Hingabe und überpersönlicher Zurücknahme das Besondere von Anne-Sophie Mutters Interpretationen ausmacht. Läßt sich das nicht genauso beispielsweise auch von Hilary Hahn oder Yehudi Menuhin sagen, ja gehört dies nicht sogar zum Wesen jeder bedeutenden Interpretationsleistung? Stengers Fixiertheit auf den „ästhetischen Aspekt“ engt sein Blickfeld bedenklich ein.

Der völlige Verzicht auf Vergleiche mit anderen Interpreten soll offenbar das Singuläre von Anne-Sophie Mutters künstlerischer Leistung hervortreten lassen. Um einen solchen Ansatz überzeugend wirken zu lassen, bedürfte es indes nicht nur einer sich ins Detail versenkenden, blumig empfindsamen Metaphernsprache, wie sie dem Autor zur Verfügung steht, sondern auch einer reflektierenden Distanz, aus der präzise Wortpeilungen erst möglich werden: Schon die Titelformulierung – vorausgesetzt, sie sollte wirklich die Quintessenz des Mutterschen Violinspiels treffen – verfehlt ihr Ziel: Bewies die Geigerin nicht gerade mit ihrem letzten Großprojekt – den zehn Violinsonaten Beethovens – auffallend, daß keineswegs „die Schönheit des Violinklanges“ im Zentrum ihres Interesses steht? Da fetzte sie in unbarmherziger Härte Akkorde hin, störte Lyrisches mit fiebrig flackernder Nervosität auf, ließ Leises aschfahl erbleichen. Unbedingter Ausdruckswille, ja Ausdruckstrotz, fern aller Geigensüße sprach aus diesem Spiel. Seltsam, daß der Autor gerade das Erlebnis dieser Konzertserie als Triebfeder für sein Buch angibt.

Anne-Sophie Mutters Beethoven-Projekt wurde nicht zu Unrecht heftig kontrovers diskutiert, hatte sich die Künstlerin doch provozierend weit in ästhetische Extrembereiche vorgepirscht, wagte Klassisches mit Klangmitteln anzugehen, die den musikalischen Welten Wolfgang Rihms oder Witold Lutoslawskis entsprungen schienen. Der Autor verzichtet leider vollständig darauf, solcherlei kritische Perspektiven in seine Untersuchungen mit einzubeziehen – zu groß scheint seine Ehrfurcht, zu klein sein innerer Abstand. Selbst dem von zahlreichen Fachleuten immer wieder als zu brav getadelten Klavierpartner Lambert Orkis wagt er nicht ein einziges mahnendes Wort zu widmen.

Mithin dürfte das Buch am ehesten wohl ein Fund für den hingebungsvollen Bewunderer sein, der auf die detaillierten Hörentdeckungen eines Gleichgesinnten neugierig ist.

Peter Schlüer (1.10.2001)

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