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CD-Besprechung

Ludwig

Quatuor Zaïde & Bruno Delepelaire

NoMadMusic NMM079

1 CD • 60min • [P] 2020

28.12.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Der Name des Albums, mit dem das Quatuor Zaïde Ludwig van Beethoven im Jahr seines 250. Geburtstags seine Reverenz erweist, lautet schlicht „Ludwig‟. Dass die beiden Werke, die auf der CD zu hören sind, charakterlich sehr stark zueinander kontrastieren, ist durchaus beabsichtigt, denn es war, wie man im knappen, vom Quartett selbst verfassten Begleittext lesen kann, der Leitgedanke des Projekts, Beethoven, frei nach Nietzsche, von seiner apollinischen und seiner dionysischen Seite zu zeigen. Der apollinische Beethoven wird hier mit dem Streichquartett op. 18 Nr. 3 vorgestellt, der dionysische findet, gar nicht unpassend, seine Verkörperung in einem Werk, für das vier Streichinstrumente nicht genug sind, weswegen das Quatuor Zaïde durch Bruno Delepelaire, den Ersten Solocellisten der Berliner Philharmoniker, zum Quintett ergänzt wird.

Das dionysische Kreutzer-Quintett

Die Quintett-Bearbeitung der Kreutzer-Sonate erschien vier Jahre nach Beethovens Tod bei Simrock. Ihre Qualität lässt vermuten, dass es der Meister selbst war, der sie erstellt hat; und wenn nicht, so war es jedenfalls ein Bearbeiter von großem tonsetzerischen Geschick, der bei der Arbeit alles andere als schematisch vorging. Die „obligate Violine“ der Originalfassung ist keineswegs mit der ersten Violine im Quintett identisch. Stattdessen hat der Bearbeiter die Musik einfallsreich ganz neu auf die fünf Streicher verteilt und an zahlreichen Stellen dem Streichensemble gemäß Nebenstimmen auskomponiert, die in der Klavierstimme des Originals bloß angedeutet waren. Wer die Kreutzer-Sonate liebt, sollte nicht zögern, sie sich in dieser Gestalt anzuhören, denn das andere Klanggewand lässt viele Phänomene in einem neuen, reizvollen Licht erscheinen. So ist die Einleitung des ersten Satzes kein Dialog zwischen Violine und Klavier mehr, sondern ein Streicher-Doppelchor, und die Antwort des Klaviers auf die Violine im ersten Thema des Prestos erklingt nun als Wechsel vom ersten Violoncello zur ersten Violine. Dass der A-Dur-Anfangsakkord des Finales auf den des Kopfsatzes Bezug nimmt, wird umso mehr deutlich, wenn beide von einer Streichergruppe gespielt werden. Während der symphonische Charakter der Ecksätze durch die Bearbeitung verstärkt wird, bleibt die Wirkung des langsamen Satzes in der Quintettfassung hinter der des Originals ein wenig zurück, da der hier sehr wichtige starke Farbkontrast durch Klavier und Violine schlicht besser dargestellt werden kann (vgl. etwa die Moll-Variation). Nichtsdestoweniger hört man auch diesem Satz des „Kreutzer-Quintetts“ nicht an, dass er jemals etwas anderes gewesen ist als ein Stück für fünf Streicher.

Energischer Zugriff

Beim „apollinischen“ wie beim „dionysischen“ Beethoven bewährt sich das Quatuor Zaïde gleichermaßen als ein vortrefflich aufeinander eingespieltes Ensemble. Jede der vier Musikerinnen, die klanglich einen konsequenten Non-Vibrato-Vortrag pflegen, versteht es, ihre Stimme der jeweiligen Situation entsprechend zur Geltung zu bringen, sei es führend oder als wichtige Nebenstimme. Besonders erfreut, dass die Spielerinnen der Mittelstimmen, Leslie Boulin Raulet an der zweiten Violine und Sarah Chenaf, dezent-energisch an der Viola, sich ihrer Bedeutung im Gesamtgefüge wohl bewusst sind. So entspinnt sich in op. 18/3, wenn das Quartett unter sich ist, tatsächlich das berühmte Gespräch der vier vernünftigen Leute. Die Kontraste, die Beethoven hier in kurzen Abständen aufeinander treffen lässt, heben sie mit Freuden deutlich heraus, erschöpfen sich aber nicht darin, und lassen den Zusammenhang der Ereignisse nie aus dem Blick geraten. Das Quatuor Zaïde ist definitiv kein Quartett der zaghaften Sorte. Auf dem Höhepunkt des langsamen Satzes von op. 18/3 etwa, wo der Komponist fortissimo und sforzato vorschreibt, zeigen die Musikerinnen, zu welcher Entfaltung physischer Kraft sie in der Lage sind. Das gilt umso mehr für das gemeinsam mit Bruno Delepelaire vorgetragene „Kreutzer-Quintett“, in dessen Ecksätzen Klänge von geradezu orchestraler Wucht erzeugt werden. An den wenigen Ruhepunkten des ersten Satzes, die im reinen Streicherklang wie Urformen Brucknerscher Choralkadenzen anmuten, wird das Tempo nur ein wenig herausgenommen, die Musik beruhigt sich vorübergehend, ohne ausgebremst zu werden; sentimentale Effekte kommen nicht auf und der Vorwärtsdrang bleibt erhalten. Der zurückhaltende 2/4-Takt-Abschnitt im Seitensatz des Finales wirkt allerdings etwas zu flüchtig, wie der ganze Satz vielleicht durch ein geringfügig mäßigeres Zeitmaß und ein strengeres Haushalten der Kräfte vielleicht an Intensität gewonnen hätte. Den langsamen Satz, an dessen Beginn Delepelaire sich beim Vortrag der Melodie durch leichtes Vibrato verrät, nehmen die fünf verhältnismäßig rasch, es dominiert ein gelöst-spielerischer Tonfall.

Alles in allem hinterlässt die Veröffentlichung einen starken Eindruck. Das Unternehmen, ein apollinisch-dionysisches Beethoven-Doppelportrait zu zeichnen, ist durchaus geglückt.

Norbert Florian Schuck [28.12.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ludwig van Beethoven
1Sonate Nr. 9 A-Dur op. 47 (Kreutzer-Sonate) 00:36:41
4Streichquartett Nr. 3 D-Dur op. 18 Nr. 3 00:23:21

Interpreten der Einspielung

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