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CD-Besprechung

Tormenti d'Amore

Hasse • Reutter • Porsile • Scalabrini

Querstand VKJK 2002

2 CD • 82min • 2019

17.11.2020

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Ein besessener Sammler muß er gewesen sein, der Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen. Von 297 Vokalkompositionen aus dem Wiener Musikleben zwischen 1710 und 1740 ließ er Kopien anfertigen, um sie seinem Meininger Archiv einzuverleiben. Viele davon sind überhaupt nur noch dort zu finden. Und so kann die vorliegende Auswahl von Kantaten und Orchesterstücken nicht weniger als drei Weltersteinspielungen ankündigen.

Leidenschaftliche Affekte

Die vier Kantaten folgen einem gleich bleibenden dreiteiligen Muster. Eine erste ruhige Arie beschreibt im lyrisch-elegischen Ton die Qualen eines Jünglings, dessen Liebe von der Angebeteten nicht erwidert wird, es folgt ein begleitetes Rezitativ, in dem das Klagen in Vorwürfe übergeht, bevor in einer weiteren sehr lebhaften, oft koloraturengespickten Arie die Stimmung des Verschmähten in Zorn und Rachegelüste umschlägt.

Das ist exemplarisch zu studieren in Johann Adolph Hasses Lascia i fior, einer Cantata a voce solo, was bedeutet, dass die Gesangsstimme nur von Continuo-Instrumenten begleitet wird und sich in weitbogigen Kantilenen entfaltet. Eine größere Nähe zur Oper erreicht Hasse in Non ti sovvien, mia Fille, dem Schmuckstück der Sammlung, das vom Inhalt einen pastoralen Charakter hat und die Eifersucht der Schäferin Phyllis wie ihres singenden Liebhabers thematisiert. Da fährt der Komponist das volle „Orchester“ auf und lässt bereits in der ersten Arie vokal die Puppen tanzen.

Reiz der Gemeinplätze

Der Neapolitaner Giuseppe Porsile (1680-1750), seinerzeit erfolgreicher Opernkomponist und auch von Hasse sehr geschätzt, tummelt sich in der Kantate Le sofferte amare pene, die in drei verschiedenen Abschriften vorliegt, in den Gemeinplätzen barocker Affekte, wozu ihm der Text eines unbekannten Autors, in dem sich „pene“ (Schmerzen) schön auf „Irene“ reimt, reichlich Gelegenheit bietet. Originell ist da gar nichts, handwerklich gekonnt hingegen alles, wobei das Spiel von Traversflöte und Violine in der verwendeten Meininger Fassung eine ästhetisch reizvolle Verbindung mit der Gesangsstimme eingeht.

Georg Reutter d. J. (1708-1772), eine feste Größe im damaligen Wiener Musikleben und am Ende seiner Laufbahn von Maria Theresia zum Hofkapellmeister ernannt, ist hier mit einer frühen Kantate vertreten, Or che dorme l’idol mio, die ihren klanglichen Reiz aus der tonmalerischen Beschreibung eines Flusses bezieht, dessen „dolce mormorio“ (süßes Murmeln) den Schlaf der Angebeteten umhegt.

Mit Liebe zum Detail

Eingebettet sind die Kantaten in zwei viersätzige Sonaten Hasses sowie zwei dreisätzige Sinfonie, die ihm zugeschrieben wurden, in Wahrheit aber von Paolo Scalabrini (1719-1806) stammen, der lange Zeit Hofkapellmeister in Kopenhagen war und heute vergessen ist. Alle diese Stücke suchen eine Verbindung vom damals vorherrschenden neapolitanischen Stil und der aufkommenden deutschen Empfindsamkeit. Sie gehen leicht ins Ohr, bleiben dort aber nicht haften und enthüllen ihre Besonderheiten erst bei näherer Analyse.

Die Wiedergabe durch die achtköpfige Capella Jenensis, die nur ein Blasinstrument enthält und von Gerd Amelung vom Cembalo aus geleitet wird, ist mehr als nur akkurat, sondern stets involviert, mit Liebe zu den Details und organisch im Zusammenklang. Der Gesangssolist der Kantaten ist da gut aufgehoben. Das reine, knabenhafte Timbre des jungen Sopranisten Philipp Mathmann läßt zwar eher an „Ehre sei Gott in der Höhe!“ denken als an irdische Leidenschaften und Liebesqualen, aber die Stimme ist technisch sauber geführt, wird auch den virtuosen Ansprüchen gerecht, ohne das Gefühl schuldig zu bleiben. Aufnahmetechnisch ist ein klares und authentisches Klangbild ohne Manipulationen angestrebt und erreicht worden. Das Booklet enthält die gesungenen Texte auch in deutscher und englischer Übersetzung sowie detailreiche Werkeinführungen durch den musikalischen Leiter.

Ekkehard Pluta [17.11.2020]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Paolo Scalabrini
1Sinfonia g-Moll op. 5 Nr. 6 00:06:37
Georg Reutter d.J.
4Or che dorme l'idol mio 00:10:52
Johann Adolf Hasse
7Sonata a tre D-Dur op. 2 Nr. 6 00:09:06
Giuseppe Porsile
11Le sofferte amare pene 00:13:07
CD/SACD 2
Paolo Scalabrini
1Sinfonia D-Dur op. 5 Nr. 4 00:04:59
Johann Adolf Hasse
4Lascia i fior 00:11:05
7Sonata a tre A-Dur op. 2 Nr. 3 00:11:01
11Non ti sovvien, mia Fille 00:15:10

Interpreten der Einspielung

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