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CD-Besprechung

Challenge Classics CC72371

1 CD • 60min • 2008, 2007

03.02.2011

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 7
Klangqualität:
Klangqualität: 7
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 6

Nobuyuku Tsujii nimmt einen besonderen Platz unter den vielen Klavierjungstars ein, denn er ist von Geburt an blind. Dass dies seine enorme pianistische Begabung nicht schmälern kann, bewies er bereits 2005 beim Warschauer Chopinwettbewerb, wo der damals 17jährige mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet wurde, und vor allem beim Van-Cliburn-Wettbewerb 2009, den er als erster Japaner überhaupt gewinnen konnte. Tsujii ist in seiner Heimat sehr populär und hat auch auf YouTube einige Videos im Umlauf, die insgesamt weit über eine Million Mal angeklickt wurden. Dass seine persönliche Geschichte der Hauptgrund seines Ruhmes ist, steht dabei allerdings außer Frage. Hoffentlich ist es ihm im Laufe der nächsten Jahre vergönnt, in erster Linie als ernsthafter Künstler wahrgenommen zu werden und nicht etwa als „der blinde Pianist“ – es wäre ein wichtiger Schritt für seine Karriere, aber auch ein gutes Zeichen für das sensationslüsterne Musikgeschäft.

Ob der junge Japaner denn auch das Zeug zu einer langen und erfolgreichen Laufbahn hat, kann im Moment natürlich keiner wissen. Auch die vorliegende CD mit dem zweiten Rachmaninoff-Konzert und einigen Liszt-Stücken hilft da kaum weiter: sie kommt zwar jetzt heraus, wurde aber bereits im Januar 2007 bzw. Mai 2008 produziert. Da ich jedem begabten Musiker in Tsujiis Alter ein starkes Entwicklungspotential und -bedürfnis unterstellen möchte, betrachte ich die Scheibe daher als nur bedingt aussagekräftig über seinen aktuellen Stand. Was aber damals bereits komplett vorhanden war, ist seine beeindruckende technische Sicherheit und Spielfreude: gerade beim Mephisto-Walzer und der zweiten Ungarischen Rhapsodie von Liszt glänzt Nobuyuku Tsujii mit Brillanz, Energie und wieselflinker Wendigkeit. Sein Zugang zu dieser effektverliebten Musik ist geradlinig, kraftvoll und jugendlich frisch – dadurch entgehen ihm zwar viele lyrische Details und gestalterische Möglichkeiten, aber es entsteht ein stimmiges Gesamtbild. Und dass er sich schwer tut, den weiten dynamischen Bereich zwischen kantablem forte und großem fortissimo nuanciert zu beherrschen (vieles ist durch die Bank einfach laut), ist kein Einzelfall. Noch dazu rückt der ziemlich roh intonierte Flügel die Lösung dieses Problems in zusätzliche Ferne.

So weit, so Liszt. Wer sich aber eine packende Aufnahme von Rachmaninoffs zweitem Klavierkonzert zulegen möchte, ist mit dieser CD nicht gut beraten. Rachmaninoff entwirft in diesem Werk eine fantastische Gefühlswelt zwischen dunkel wallender Großartigkeit, in Schönheit badender Verzweiflung und triumphalem Rausch – dabei demonstriert er zu gleichen Teilen seine souveräne Beherrschung der emotionalen Klaviatur wie auch seinen Hang zur völligen Hemmungslosigkeit, die streckenweise hart an der Kitschgrenze vorbeischrammt. Damit diese Musik nicht in die zweite Liga abrutscht, muß man ihr mit großem Ernst, einer breitgefächerten Palette an Expressivität und nicht zuletzt auch mit einer guten Dosis bühnentechnischer Abgefeimtheit entgegentreten. Orchester und Solist beschränken sich aber zu sehr auf die korrekte Wiedergabe der Noten: Tsujiis heller Klavierklang ist vor allem brillant und findet auf die Dauer viel zu wenig Abwechslung und Raffinement für Rachmaninoffs Untiefen. Ebenso das Orchester, welches dem Dirigenten Yusaka Sado offenbar hauptsächlich als netter Begleitapparat für den Solisten zu dienen hat. Das bunte Kaleidoskop der Partitur darf nicht aufblühen und verharrt in heruntergedimmtem Breitwandsound – dadurch bleiben die Farben dann natürlich blaß, sowohl im Orchester als auch in seinem Zwiegespräch mit dem Klavier. Vor allem der zweite Satz ist in einer unkonturierten Oberflächlichkeit gefangen, von der aus es zu Eric Carmens Popversion „All by myself“ nur noch ein kleiner Schritt ist. Technisch beeindruckend und rhythmisch gut organisiert gelingt der dritte Satz am besten, doch auch hier erscheint die ekstatische Erfüllung des Finales lediglich gespielt.

Henri Ducard [03.02.2011]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Sergej Rachmaninow
1Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 18 00:34:23
Franz Liszt
4Liebestraum Nr. 3 As-Dur op. 62 S 541 00:04:09
5Mephisto-Walzer Nr. 1 A-Dur S 514 R 181 00:11:10
6Ungarische Rhapsodie No. 2 d minor for Orchestra – Andante moderato 00:09:59

Interpreten der Einspielung

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