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CD-Besprechung

Profil PH05020

1 CD • 71min • 1994

10.05.2006

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Eine außerordentliche CD: Um bei einem kleinen Mastering-Detail anzufangen: Mir ist noch nie eine vierte Sinfonie von Bruckner auf den Tisch gekommen, in der ein Tonmeister darauf geachtet hat, daß der Leerraum zwischen dem ersten und zweiten Satz exakt so lang ist wie die gedachte Takt-Periode hinter dem letzten Doppelstrich weitergeht: Da Kurt Sanderling die Tempo-Relation genau einhält, wonach die Halbe im Kopfsatz den Vierteln des Andante entsprechen, kann man nach dem Schlußklang Takt 573 die fünftaktige Schlußperiode einfach in Gedanken weiterzählen. (Bruckners in der Regel ungerade, meist fünf Takte langen finalen Taktperioden der Ecksätze benötigen in der Regel immer einen “Ausschwung”, der diese Taktperiode gedanklich zu einem vollständigen Achttakter oder zumindest Sechstakter ergänzt, da Bruckners Musik in einem “Schwere-Leicht-Pendel” zusammengefaßter Takte schwingt und entsprechend übergeordnete Hierarchien ausbildet.) Auf diese Weise entsteht ein attacca-Übergang, der den Hörer mitnimmt und nicht aus dem Spannungsbogen der Musik entläßt.

Die souveräne Disposition der vierten Sinfonie, die Kurt Sanderling hier gelungen ist, läßt mich vermuten, daß dieser Übergang auch im Konzert selbst so war (dessen genaues Datum leider nicht vermerkt ist; dem Buch “50 Jahre Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks” zufolge muß es sich um den Mitschnitt eines Konzertes vom 4. oder 5. November 1994 aus dem Herkulessaal handeln).

Der Klang ist insgesamt vorzüglich – auch wenn der Pegel gelegentlich an seine Grenzen stößt. Der von Kurt Sanderling vorbildlich ausbalancierte Orchesterklang wurde von dem namentlich bedauerlicherweise nicht genannten Tonmeister des Bayerischen Rundfunks mit größtmöglicher Räumlichkeit und sehr natürlich wirkend eingefangen. Sanderling erzielte einen runden, flächigen Tutti-Klang insbesondere dadurch, daß er die Blechbläser immer sehr tenuto spielen ließ – auch wenn dadurch Bruckners eigenes Marcato entwertet und die Kondition der Spieler arg beansprucht wird. Deshalb mag man in dieser Aufführung eine gewisse Beredsamkeit der Phrasierung vermissen. Andererseits entwickelt die Musik eine Innigkeit, die ihresgleichen sucht. Die ganze Sinfonie erhält dadurch einen wirklich “romantischen” Tonfall – schwärmerisch, schwelgerisch, üppig, aber oft auch unglaublich zerbrechlich in den ganz zurückgenommenen Passagen der Innensätze. Die Tempi sind zwar sehr frei und flexibel, doch die Übergänge gelangen Sanderling so meisterlich organisch, daß man keine Brüche wahrnimmt (vergl. z. B. den herrlich ruhigen Durchführungsbeginn im ersten Satz, Tr. 1, ab 6’48). Das Finale erklingt geradezu bestürzend dramatisch und läßt den Hörer recht fassungslos zurück. Besonders die sehr durchsichtig herausgearbeitete Streicher-Faktur mit ihrer durchbrochenen Motorik rückte für mich beim Hören den Satz mitunter in die Nähe der Sinfonien von Sibelius. Insgesamt eine der wohl schönsten Aufführungen des Werkes, die ich je gehört habe, zwar in der Gesamtanlage völlig anders als mein Favorit, die Stockholmer Aufführung unter Celibidache (DGG 459 665-2), aber keinesfalls weniger schlüssig. Bruckner-Freunde seien mit allem Nachdruck auf diese höchst verdienstvolle Veröffentlichung aufmerksam gemacht!

Einige Kritiker-Kollegen wiesen in Rezensionen auf zwei fehlende Takte im ersten Satz (Takt 21/22 bei O:46) hin. Mein Rezensionsexemplar war jedoch fehlerfrei. Eine Nachfrage beim Hersteller ergab, daß in der Tat kurzfristig eine Fehlpressung in geringer Stückzahl erhältlich war; der Fehler wurde jedoch behoben.

Dr. Benjamin G. Cohrs [10.05.2006]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Anton Bruckner
1Sinfonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 (Romantische)

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