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Lera Auerbach

russ. Komponist

* 21.10.1973 Tscheljabinsk

Biographie Diskographie [6] Texte [1] Werke [34]

Text

Die Bremer Philharmoniker mit Lera Auerbachs "Russian Requiem" in Spanien

Liturgie und Klangdichte

Licht und Schatten zeichnen reizvolle Kompositionen in die engen Gassen. Die erdigen Pastelltöne der Fassaden leuchten in der Frühlingssonne. Manchmal fällt der Blick durch die mittelalterliche Architektur weit über die Ebene von La Mancha oder tief hinunter auf den neuen Teil der Stadt. Die T-Shirts in den Souvenirläden werben mit der Attraktion des Ortes, den hängenden Häusern, eine dem begrenzten Platz auf dem Felsplateau geschuldete Bauweise. Nur der Plaza Mayor vor der Kathedrale im historischen Kern von Cuenca, den die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt hat, ist weiträumig geschnitten. In diesen Tagen hat allerdings auch er Mühe, die Menschenmengen zu fassen.

Traditionell in der „heiligen Osterwoche“ ziehen zahlreiche Prozessionen im Wiegeschritt zu getragenen Bläsersätzen durch die Hausschluchten zum Hauptplatz. Gut 50 000 Einwohner zählt Cuenca, um Ostern beherbergt die zwischen Madrid und Valencia rund 1000 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Stadt Tausende Besucher. Neben den Prozessionen, die in Volksfeststimmung münden, lockt ein besonderes Musikfestival: die Semana De Musica Religiosa. Alle Kirchen am Ort, und das sind nicht wenige, sowie das tief in den Felsen gebaute Theater sind rund zehn Tage lang Schauplätze eines ambitionierten Programms, das neben alter auch neueste geistliche Musik mit namhaften Interpreten anbietet.

In diesem Jahr zählt John Eliot Gardiner mit seinem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists zu den Gäästen. Der britische Barock-Spezialist interpretiert Bachs Johannes Passion. Eine bewegende Aufführung, in der Mark Padmore als Evangelist mit dramatischer Deklamation brilliert und die Choräle Geschehen und Gefühle der Passion in differenzierter Rhetorik tragen und entwickeln. Einen Tag später gastieren an gleicher Stelle die Bremer Philharmoniker zusammen mit Solisten, dem Lettischen Staatschor Latvija und dem Estonian National Opera Boy’s Choir. Das spanische Publikum nimmt die Interpretation des Russian Requiem von Lera Auerbach begeistert auf.

Das abendfüllende Werk der 1973 in Sibirien geborenen und in New York lebenden Komponistin ist im vergangenen September als Auftragswerk des Musikfest Bremen und der Philharmonischen Gesellschaft in Kooperation mit Cuenca uraufgeführt worden. Auf zwei Ebenen erzählt Auerbachs Requiem die Geschichte eines Volkes, das sich in der Opferrolle eingerichtet hat und die Jahrhunderte währende nationale Tragödie durch hartnäckige Resistenz gegenüber historischen Lektionen eher noch verstärkt. Als Fundament dient der Komponistin die orthodoxe Liturgie, damit korrespondieren in einer zweiten Schicht poetische Texte russischer Dichter, auf deren Wortklang die Musik mit farbenreicher Gestik reagiert.

Auerbachs Vermittlung zwischen kirchenmusikalischer Tradition sowie Volksliedelementen auf der einen und zeitgenössischem kompositorischem Denken auf der anderen Seite bildet die innere Spannung des Werkes. Blockartige Fügung und serielle Entwicklung der Gesamtform verstärken den Gedanken eines schicksalhaften Wiederholungszwanges, der auf der russischen Geschichte zu liegen scheint. Die Solisten, Knabensopran, Mezzo und Bass, treten hier, jeweils verstärkt von wuchtigen meist achtstimmigen Chorsätzen, als Erzähler auf.

Bremens Generalmusikdirektor Markus Poschner führt die verschiedenen Klangschichten und -blöcke unter den nicht gerade optimalen akustischen Bedingungen des Theaters von Cuenca in dynamischer Feinarbeit zusammen. Im dramaturgisch begründeten Wechsel von Massigkeit und Transparenz, analytischen Zugriff und der Modellierung überwältigender Klangkörperlichkeit beleuchtet die Interpretation das Geschehen wie in Außen- und Innensicht, szenisch und lyrisch.

Der Komponistin gelingt es, auch die schwierigste melodische Führung kantabel wirken zu lassen. Ein undogmatischer Umgang sowohl mit der musikalischen Überlieferung wie auch mit Kompositionsmustern der Gegenwart fördert eine individuelle Musiksprache zu Tage, von der künftig sicher noch viel zu hören sein wird. Lera Auerbachs gut gefüllte Auftragsliste belegt ein wachsendes Interesse an Werken der Wahl-New Yorkerin. Für die Bremer Philharmoniker könnte das Russian Requiem nicht die letzte Auerbach-Uraufführung gewesen sein. Es gibt Pläne, die Zusammenarbeit fortzusetzen.

Rainer Beßling [3.5.2008]

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