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Komponisten mit Lebensdaten insgesamt: 3376

Alessandro Scarlatti

* 02.05.1660 Palermo
† 24.10.1725 Neapel

Der italienische Komponist Alessandro Scarlatti war der Hauptmeister der sog. „Neapolitanischen Schule“. Er wurde am 2. Mai 1660 in Palermo geboren. Von 1679-1683 war er Kapellmeister der Königin Christine von Schweden in Rom, wurde 1684 Hofkapellmeister in Neapel, 1703 an S. Maria Maggiore in Rom und war ab 1706 erneut in den Diensten des Vizekönigs von Neapel. Zahlreiche Musiker – u.a. Arcangelo Corelli – reisten zu Scarlatti, um bei ihm zu studieren. Auch Händel war während seines Aufenthaltes in Neapel 1757 von Scarlattis Schaffen beeindruckt. Er Mit Scarlatti beginnt die Epoche der „neapolitanischen Oper“. Er schuf die „italienische“ Ouvertüre (schnell – langsam – schnell), die zur Grundlage der klassischen Sinfonie wurde, und gab der da-capo-Arie mit einem freieren Orchestersatz anstelle der einfachen, Cembalo-gestützten Begleitung ihre endgültige Prägung. Scarlatti hat über 1000 Werke hinterlassen: über 115 Opern, 200 Messen (bis zu zehn Stimmen), etwa 600 Kantaten, eine Johannespassion, Psalmen, Motetten, Madrigale, Serenaden und Orgeltoccaten. In seinen Opern, von denen nur ein kleiner Teil erhalten ist, darunter La Rosaura (1690), Telemaco (1718) und Griselda (1721), wird die Da-capo-Arie und die Dreiteiligkeit der italienischen Ouvertüre zur Regel. Alessandro Scarlatti starb am 24. Oktober 1725 in Neapel.

Biographie Diskographie [24] Texte [1] Werke [108]

Text

Barocker Opernthriller

Schwetzinger Festspiele: Alessandro Scarlatti – "Telemaco"

Zu berichten ist über eine restlos begeisternde Entdeckung: Alessandro Scarlattis Telemaco. Die deutsche Erstaufführung dieses authentischen Gipfelwerks der Gattung Barockoper gab – 287 Jahre nach dessen Entstehung – den Auftakt zu den Schwetzinger Festspielen. Mit ihrer Stückwahl haben die künstlerisch Verantwortlichen des Festivals diesmal eine äußerst glückliche Hand bei ihrer Repertoire-Wahl gezeigt.

Wie es sich für eine Barockoper gehört, liegt dem Stück ein mythologischer Stoff zu Grunde: die Geschichte des Telemach, Sohn des Odysseus, seiner Liebe zur kretischen Prinzessin Antiope, Tochter des Idomeneo, und seiner Begegnung mit der Nymphe Kalypso. In Anlehnung an Fénelons Bildungsroman Telemachs Abenteuer formte sie Scarlattis Librettist Carlo Sigismondo Capece zu einem Intrigenplot mit einer Vielzahl von Verwicklungen und Verwirrungen und mehreren Dei ex machina – wenn man so will zum barocken Thriller.

Das Wichtige freilich ist die Musik, die im Zeichen von Inspiration und erhabenem Pathos von antiker Größe steht und eindeutig die Handschrift des Bühnenkomponisten im großen Stil offenbart. Sie zieht den Zuhörer unmittelbar in ihren Bann durch die dramatische Verve der Komposition, ihre lapidare Diktion, ihren beglückenden Melodienreichtum und ihre harmonischen Feinheiten, die Vielfalt der Charaktere in den exquisiten da capo-Arien und nicht zuletzt durch die Farbenpracht des außerordentlich kunstvoll konzipierten, dichten, kontrapunktisch durchstrukturierten Orchestersatzes.

An einige großartige Höhepunkte sei ausdrücklich erinnert. Gemeint sind zunächst der stockende, beklommene Gesang der über die Verwüstung durch den vom Meeresgott Poseidon entfachten Sturm entrüsteten Kalypso in gleichsam stammelndem staccato im ersten Bild und die spannungsgeladene, klanglich überwältigende Geisterszene, in der sie den Schatten des Atlas, ihres Vaters, beschwört. Das sind frühe Sternstunden der dramatischen Musik. Den Gegenpol bilden die geradezu vorimpressionistische Klangmalerei, die das idyllische Bild wieder friedlicher Natur nach dem Sturm beschwört, und die bewegende Lyrik der Arie Lasciami piangere (lass mich weinen) der Antiope (die in der Oper inkognito als Sklavin Erifile Kalypso dient). Dabei handelt es sich um ein Parallelstück zu Lascia ch’io pianga aus Händels Rinaldo. Schließlich darf das c-Moll-Quartett gegen Ende der Oper – ein Stück, das auch Händel und Gluck, sogar Mozart zur Ehre gereicht hätte – als Vorahnung des Idomeneo-Quartetts angesehen werden.

Bei Thomas Hengelbrock und seinem Balthasar-Neumann-Ensemble war Scarlattis meisterliche Partitur in hoch kompetenten Händen. Gespielt wurde stets akzent- und kontrastfreudig, mit hinreißend vitalem Drive und affektgeladenem Impuls. Zudem profilierten sich Dirigent und Orchester auch diesmal als Barock-Stilisten von hohen Graden, mit überaus sensiblem Gespür für Feinheiten der Artikulation und Farbgebung.

Lukas Hemleb inszenierte im Wesentlichen am Text entlang – wobei vorsichtige Annäherungen an moderne Regietendenzen das Liebes- und Ränkespiel mythologischer Götter, Helden und Herrscher und den pathetischen Gestus der Vorlage in verspielter Attitüde mit Anführungs- und Fragezeichen versahen. Deftigkeiten freilich versagte sich seine an sich gezielte, stilisierte, Ausdrucksgestik und Körpersprache fordernde Personenführung keineswegs, und unfreiwillige Situationskomik konnte mitunter auch nicht vermieden werden. Mit optisch reizvollen Spiegel- und Lichteffekten, dem Spiel sich unentwegt bewegender, Meerespanoramen, antikisierende Architekturfragmente, Küsten- und Waldlandschaften darstellender Leinwände huldigte Jane Joyets Bühnenbild dem barocken Märchen- und Maschinentheater und vermochte dabei auch ästhetische Akzente zu setzen.

Aus dem durchweg kultivierten, im barocken Ziergesang sehr versierten Ensemble ragten die höchst einfühlsam gestaltende, mit kostbarem Timbre singende Elisabeth Kulman und die stimmgewaltige Mariselle Martinez mit ihrem herrlichen Mezzo heraus. Johanna Stojkovic, einer Virtuosin des Koloraturgesangs von dramatischer Präsenz, kostete das Spitzenregister hörbar Anstrengung und einige schrille Töne; und der Tenor des an sich sehr soliden Titeldarstellers Corby Welch klang immer wieder kehlig und zu offen. Ansprechende Leistungen von Kresimir Spicer, dem Altus Gunther Schmid und dem sängerisch und darstellerisch gewandten Buffo-Paar, Netta Or und Andreas Winkler. Zuverlässig Sylvia Hamvasi.

Gábor Halász [23.5.2005]

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