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Komponisten mit Lebensdaten insgesamt: 3618

Gustav Mahler

* 07.07.1860 Kalischt
† 18.05.1911 Wien

Biographie Diskographie [124] Texte [3] Werke [92]

Text

Gustav Mahler – original, überprüft und bearbeitet

Ein diskographischer Überblick zum Jubiläumsjahr 2010

Es ist noch nicht allzu lange her, da spielten Aufführungen und Aufnahmen der Mahler-Sinfonien im Musikleben unserer Regionen nicht nur eine untergeordnete Rolle, vielmehr hatten Dirigenten wie Leonard Bernstein Mühe, einem Orchester wie den Wiener Philharmonikern das Werk plausibel, besser noch: ans musikalische Herz zu legen. Gemeint sind die 60er Jahre, in denen sich die Sinfonien Mahlers sozusagen auf dem Sprung ins große Repertoire befanden – unterstützt in ihrer medialen Wirkung etwa durch die DG-Gesamtaufnahme mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Rafael Kubelik, etwas später in Gestalt einer CBS-Präsentation mit Leonard Bernstein an der Spitze. Bernard Haitink mit dem Concertgebouw Orchester Amsterdam (Philips) mischte sich erfolgreich in die grenzüberschreitende Mahler-Debatte ein und unermüdlich bekannte sich ein Sänger wie Dietrich Fischer-Dieskau schon in der frühen Nachkriegszeit zu den Mahler-Liedzyklen.

Heute scheint nicht nur die frühere, auch weltanschaulich bis rassistisch begründete Mahler-Skepsis überwunden zu sein. Es herrscht allerorten Mahler-Begeisterung – und ich kenne nicht wenige Musikfreunde, die sich quer über den Kontinent kaum eine Aufführung etwa der großkalibrigen Sinfonien Nr. 2 und Nr. 8 entgehen lassen. Den Wagnerianern haben sich sozusagen Mahlerianer hinzugesellt! Und es gibt für diese Klientel ebenso wie für den „normalen“ Musikfreund Gelegenheit, nicht nur Mahler sitzend, lauschend im Konzertsaal zu erleben, sondern via DVD auch die Einstudierung, das Weben und Formen einer Interpretation zu verfolgen. Als hilfreich und zugleich fesselnd in jeder Minute empfehle ich zu diesem Zweck den Salzburger Mitschnitt einer Probe mit dem Simón Bolivar Youth Orchestra, die in der von Markus Hinterhäuser etablierten Festspiel-Reihe „Schule des Hörens“ bemerkenswerte Resonanz bei der internationalen Hörerschaft gefunden hat. Thema ist in diesem Fall die Sinfonie Nr. 1 mit ihren wundersamen Absonderlichkeiten, ihren lyrischen, tänzerischen, lieblichen, süßlichen, schreckhaften Passagen, die der Dirigent Gustavo Dudamel
mit schier frecher Intelligenz gleichsam unter einen gestalterischen Hut zu bringen versteht. In seiner DG-Einspielung der „Fünften“ gewinnt freilich man den Eindruck, der hochbegabte Künstler, hätte aufgrund seines weltweiten Erfolges zu wenig Zeit, sich mit diesem Stück – und auch mit anderen, nun von ihm eingeforderten Werken! – hinlänglich zu beschäftigen. Konventionell, nämlich langatmig, weichlich sehrend dehnt er das „Adagiettoì in alter Karajan-Manier – ein Lieblingsstück der Film- und Werbebranche, das der Pianist Cyprien Katsaris in einer Bearbeitung von Karol A. Penson eine Spur schlichter behandelt. Aber auch Christian Arming mit dem New Japan Philharmonic Orchestra hält es in dieser Phase des Werkes etwas straffer als Dudamel.

Als Weltersteinspielung „nach der neuen kritischen Ausgabe der Internationalen Mahler-Gesellschaft“ wird die Münchener Aufnahme der „Siebenten“ unter der Leitung von Mariss Jansons angekündigt. Abweichende Details, was die Partitur des Werkes anbelangt, werden für Fachleute von Interesse sein. Wichtiger für die private, vielleicht semi-professionelle Auseinandersetzung scheint mir, wie energisch, wie farbintensiv und feinfühlig Jansons mit den bayerischen Rundfunksinfonikern alle Winkel, alle Vorder- und Hintergründigkeiten dieses „nächtlichen“ Kolosses durchlebt und akustisch wie musikphilologisch durchforstet.
Dies um Etliches genauer und Sinn gebender als Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin, dessen Darbietung der „Neunten“ auf befremdlich pauschalem Niveau vermuten lässt, dass hier das eine oder andere unter dem Druck der Mengenproduktion zu leiden hat.

Von Interesse freilich sind mehr und mehr verschiedene Kammerversionen der Mahler-Sinfonien, die zu Zeiten ihres Entstehens sicher zur riskanten Verbreitung der oft geschimpften Arbeiten beigetragen haben. Im Fall der „Vierten“ ist es eine Bearbeitung von Erwin Stein, die dem Linos Ensemble mannigfaltig Gelegenheit gibt, sich kundig und präzis einem philharmonischen Monster auf der Ebene gescheiter Kleinkunst zu widmen. Eindrucksvoll und jedem Mahler-Verehrer zu empfehlen ist auch eine Version der „Zweiten“ für zwei Klaviere von Hermann Behn (1859-1927), die kraft ihrer instrumentalen Reduktion für den hellhörigen „Besucher" eine Menge an Detailinformationen über das kompositorische Gerüst des Werkes eröffnet. Dem Klavierduo Christiane Behn und Matthias Weber, den Gesangssolisten Bechly und Vermillion, zudem einem Harvestehuder Kammerchor gelingt eine Interpretation, die überraschenderweise kaum den Verlust des großen Orchesters verspüren lässt.

Die des weiteren in der „Diskothek“ aufgeführten Mahler-Aufnahmen u.a. mit den Dirigenten Fabio Luisi, Kent Nagano,
Jonathan Nott und Bernard Haitink sind meiner Meinung nach jeder Art der Beschäftigung mit dem reichen Themenmaterial förderlich, wobei es erstaunlich ist, wie selbst weniger prominente Orchester (und Vokalsolisten und -Ensembles) Leistungen vollbringen, die zwei, drei Dekaden früher nicht denkbar waren. Dies gilt auch für eine studentische Produktion der „Vierten“ mit dem Orchester der Kunstuniversität Graz unter der Leitung von Martin Sieghart, denn wer hätte sich vor zehn, zwanzig Jahren vorstellen können, dass ein Hochschulorchester sich via LP oder CD mit einer Mahler-Sinfonie in die Reihe der professionellen Konkurrenz einreihen würde.

Die bereits erwähnten
Lied-Zyklen sind im Katalog der internationalen Herausgeber von Kapazitäten wie Fischer-Dieskau, Prey oder Janet Baker prominent und für viele Hörer unvergesslich besetzt. Aber es sind auch jüngere Sänger, die sich mit gestalterischer Individualität um Anerkennung bemühen – und diese auch zu Recht erlangen. So etwa Thomas Quasthoff mit den Kindertotenliedern und den Liedern eines fahrenden Gesellen, aber auch Hakan Hagegard mit einer (knappen) Auswahl aus dem Wunderhorn-Konvolut. Mit drei Wunderhorn-Liedern eröffnet auch Ildikó Raimondi ein literarisch exquisit ausgewähltes Programm mit originalen und arrangierten, zum Teil vokal-isntrumentalen, aber auch rein instrumentalen Werken von Webern, Schönberg und Nono, wobei auch ein für die Musik Ausschlag gebender Texte rezitiert wiedergegeben wird (Stelldichein von Dehmel).
Es handelt sich um ein Projekt der Gramola-Redaktion, das unter der musikalischen Leitung von Michael Lessky wie kaum ein zweites beweist, wie sich Literatur im weitesten Sinn klug und dennoch unterhaltsam kombinieren lässt.

Textgenauigkeit, Textverständlichkeit ist für die genannten Interpreten gewissermaßen heilige Verpflichtung. Nicht anders, wenn namhafte Sänger wie Thomas Moser und Brigitte Fassbaender sich auf das Wagnis einlassen, Mahlers Lied von der Erde, Klavier begleitet (Cyprien Katsaris), gleichsam auf verkleinertem Erdball wiederzugeben. Es ist zurzeit nicht die einzige Aufnahme des Werkes in Kammermusikbesetzung.
Auch die ihren anspruchsvollen Aufgaben gewachsene, sehr um Text und Expression bemühte Hermine Haselböck, ihr im besten Sinne bemühter Kollege Bernhard Berchthold und der tüchtige Pianist Markus Vorzellner widmen sich dem Kleinformat des Werkes. In einer Bearbeitung von Schönberg und Riehn ist diese Liedfolge auch in der Besetzung van Reisen, Post und Oxalys zu haben – und einige der Lieder eines fahrenden Gesellen auch aus der Hand des bearbeitend-interpretierenden Pianisten Claudius Tanski. Wie man sieht: auch die Interpreten der mittleren Generation lassen es sich nicht nehmen, Mahlers Schaffen für ihre Zwecke, aber auch für die Öffentlichkeit in Anspruch zu nehmen.

DISKOGRAPHISCHE HINWEISE

Mahler

Peter Cossé [9.6.2010]

weitere Texte

Zum 50. Geburtstag der Gustav Mahler Gesellschaft in Wien

Internationales Symposium eröffnet Feierlichkeiten

Im Jahr 2005 begeht die Internationale Gustav Mahler Gesellschaft (IGMG) in Wien mit zahlreichen Veranstaltungen ihren 50. Geburtstag. Zur Eröffnung veranstaltete die Institution erstmals in ihrer Geschichte überhaupt ein internationales musikwissenschaftliches Symposium, das am 28. und 29. April 2005 im Palais Lobkowitz abgehalten wurde – im gleichen Saal, in dem 1804 die Uraufführung der Sinfonia Eroica von Beethoven stattgefunden hatte.

[Benjamin G. Cohrs, 17.5.2005]weiterlesen ...

Die neue Vervollständigung von Mahlers Zehnter

Zunächst einmal ist vorauszuschicken, daß sich die nachfolgenden Bemerkungen nur auf die hier erstmals eingespielte Version von Mahlers Zehnter durch Rudolf Barshai beziehen; die in demselben CD-Set beigegebene Einspielung der fünften Sinfonie war bereits 1999 bei Laurel Records (LR 905) erschienen und ist von mir seinerzeit für Klassik Heute separat besprochen worden.

[Benjamin G. Cohrs, 13.5.2004]weiterlesen ...

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