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Georg Friedrich Händel

* 23.02.1685 Halle
† 14.04.1759 London

Biographie Diskographie [146] Texte [5] Werke [589]

Text

Er kam, sang, und ging wieder

Händels Oper "Giulio Cesare in Egitto" in Göttingen und Köln

Göttingen:

Musikalische Leitung: Nicholas McGegan

Inszenierung: Igor Folwill

Bühne: Manfred Kaderk

Kostüme: Germán Dorghetti

Köln:

Musikalische Leitung: Christopher Moulds

Inszenierung: Karoline Gruber

Bühne: Thilo Reuther

Kostüme: Henrike Bromber

Von Georg Friedrich Händels über fünfzig Opern war und blieb sein 1724 im King’s Theater uraufgeführter „Giulio Cesare in Egitto“ die erfolgreichste. Der Komponist war im Vollbesitz seiner Kräfte und er konnte die besten und begehrtesten Kastraten und Primadonnen Europas verpflichten, weil er auch als Unternehmer (noch) die Londoner Opernszene beherrschte. Sein „Cesare“ ließ aber nicht nur seinerzeit die Kasse klingeln. Auch die Nachwelt, die ihn seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder ins Repertoire aufgenommen hat, schloss sich diesem Urteil an. Aufführungsstatistisch jedenfalls hat sein „Cesare“ den ihm folgenden Perserkönig „Serse“ deutlich abgehängt. Daran haben die Göttinger Händelfestspiele durchaus eine Aktie, denn das Werk gehörte mit zu den ersten, deren zwei Jahrhunderte währende Aufführungspause von hier ausgehend beendet wurde.

Mit der Cesare-Neuproduktion, die der britische Festivalchef Nicolas McGegan im Zentrum der diesjährigen Festspiele selbst als Dirigent musikalisch verantwortet, demonstriert er nicht nur die Qualitäten dieser Händel-Oper, sondern auch die Möglichkeiten und Grenzen solcher Spezialfestspiele in den Zeiten eines etablierten und vom Regietheater durchreflektierten Barockbooms.

Die beglückende musikalische Qualität dieser Neuproduktion jedenfalls war ein Festspielereignis par excellence. Dabei brachte das Ausweichen vom Göttinger Theater in die Stadthalle weniger akustische Probleme mit sich, als ein szenisches. Denn die Inszenierung dieser historischen und dabei doch zugleich so pikanten „Befriedungs“-Exkursion des römischen Herrschers an den Nil mit ihren amourösen Weiterungen hat schon was von einer Mogelpackung, kann höchstens als dreiviertelszenisch durchgehen. Igor Folwill arrangiert lediglich die Auftritte der zwischen Uniform und Egypt-Folk kostümierten Protagonisten um das im Profil in der Bühnenmitte platzierte Orchester herum. Eine Theatersituation mit aufmarschierendem und dann die anrückenden Römer bestaunendem Chor zu Beginn und einer Beifalls- und Abschiedsszene in ähnlichem Zuschnitt am Ende rahmt diese Geschichte. Aber nicht als eine ihrer fortschreitenden Aktualität hinterherlaufende Begegnung der Kulturen, sondern als einen Schwank der Weltgeschichte. Mit einer richtig netten Cleopatra, wo doch nun wirklich jeder seit Liz Taylor weiß, dass die es faustdick hinter ihren ägyptischen Herrscherohren hatte. Sei’s drum – die szenische Innovation war ja noch nie das Markenzeichen der Göttinger. Unter McGegan hatte man sich zwar in den letzten Jahren vom früher in Göttingen üblichen Prospektetheater gelöst, aber nun unter Umgehung jeder Deutung im mehr oder weniger unverbindlich Arrangierten zu verbleiben, heißt, den Anschluss an die szenische Händel-Renaissance schon aufzugeben, bevor man ihn ernsthaft gefunden hat.

Musikalisch freilich gelang McGegan geradezu ein Coup! Wie das Bayreuther Orchester seinen Klangzauber zu einem Gutteil den Wagner-Freaks der ganzen deutschen Stadttheaterlandschaft verdankt, so hat sich McGegan ein „Festspiel Orchester Göttingen“ aus dem Who’s who? der renommiertesten Barockorchester zusammengestellt und sie zu einem faszinierenden 40 Köpfe Ensemble geformt. Es besticht mit seinem leichten, federnden und so sinnlichen wie geschmeidigen Klang und glänzt nicht nur in den Solopassagen der Streicher und der heiklen Hörner mit Virtuosität und Präzision. Ohne sich auf Bedeutungshuberei einzulassen oder sich in eine Effekthascherei aufzuschwingen, mit der leicht zu punkten wäre, vereinen sich hier Eleganz und Raffinesse.

Denn besonderen Möglichkeiten und Ansprüchen eines Festivals entsprechen wartete man in Göttingen mit gleich drei Countertenören auf. Kai Wessel (als Einspringer für die Titelpartie mit nur drei Wochen Vorlauf, aber immerhin Rollenerfahrungen mit Tolomeo) war von bestechender Souveränität und Höhensicherheit, José Lemos als Tolomeo beeindruckte mit seiner sprunghaften Verstiegenheit und Yosemeh Adjei mit spielerischer Leichtigkeit als Cleopatras Vertrauter Nireno. Bei den Damen überwältigte vor allem Cécile van de Sant als Cornelia mit einem betörend dunklen Timbre, Sophie Daneman mit ihrer strahlend offenen Cleopatra und Diana Moore als fokussiert seine Rache verfolgender Sesto. Abgerundet durch den sportiven Bass Konstantin Wolf als Achilla und Thomas Bonni als Curio – ein Ensemble allererster Güte.

Obwohl sich Christopher Moulds zwei Tage später an der Kölner Oper mit dem Gürzenich Orchester, den Möglichkeiten eines leicht aufgerüsteten „normalen“ Orchesters entsprechend, den besonderen Herausforderungen der Barockmusik achtbar annäherte, war diese Vorgabe nicht zu erreichen. Trotz einer auf dramatische Anschärfung setzende Dynamik und trotz des sich von Akt zu Akt deutlich steigernden Ensembles belegte gerade der unmittelbare Vergleich, die entscheidende Rolle, die die stimmliche Virtuosität und auch die Durchschlagskraft für die volle Prachtentfaltung barocker Arien spielen, wobei sich auch das Kölner Ensemble merklich steigerte. Hier hatte man mit Martin Wölfel, der die Partie auch schon in Hamburg gesungen hatte, nur einen Counter besetzt. Er war nicht nur stilsicher in seinem Gesang, sondern stöckelte auch als wunderbar abgedrehte königliche Glamourtranse Tolomeo über die Bühne. In der Titelpartie überzeugte Kristina Wahlin mehr mit ihrem lyrischem Arienklang als mit auftrumpfender Verve, während der Sesto von Viola Zimmermann in dieser Rolle allzu abgerundet blieb und auch Susanne Schaeffer die Cornelia nur zum Teil ausfüllte, während der junge Bariton Leandro Fischetti als Achilla Profil zeigte und sich Iride Martinez als Cleopatra ganz zu Recht den Siegerlorbeer beim Premierenpublikum ersang.

In Köln kam natürlich die szenische Deutung von Caroline Gruber hinzu. Ihre von Hamburg übernommene Inszenierung nutzt offensiv die Vorzüge einer offenen Bühnenästhetik für die Verdeutlichung von Motiven und Wirkungen. So entsteht ohne Aufdringlichkeit spielerisch Verbindlichkeit. Dabei gelingt der Regisseurin über das übermütige Spiel mit markierenden Versatzstücken (Tolomeo, der Cäsar ein Schlauchboot schenkt und sich über die fehlende Nase der Sphinx amüsiert, oder Cleo beim Baden in der Wanne....) eine von Akt zu Akt zunehmende Verdichtung. Mit Fallhöhen, denn das Lachen über das Spiel der Kulturen miteinander bleibt einem im Halse stecken, vor allem wenn Tolomeo seine angeketteten Frauen wie Tiere mit Fleisch füttern lässt. Zu Cäsars Arie „Ach, ihr Lüfte habt Erbarmen“ in der er über das Unglück nachsinnt, gelingt der Gruber einer ihrer stärksten Szenen überhaupt – da nämlich tauchen die vom Unglück betroffenen in einer Art Alptraum slowmotion szenisch alle wieder auf und erweitern suggestiv das, wovon gesungen wird. Diese Inszenierung brauchte in Köln einen gewissen Anlauf. Aber dann fasste sie Tritt und überzeugte. Wenn auch nicht jeden.

Joachim Lange [1.6.2007]

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