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Thomas Mohr

* 1961 in Neumünster

Biographie Diskographie [4]

Text

Fahrender Geselle

Thomas Mohr

Der Bariton ist die am häufigsten vorkommende männliche Stimmlage.

Doch obwohl sie so normal ist, gibt es den Bariton nicht wie Sand am Meer. Denn es muß schon besondere Gründe geben, die Stimme ausbilden zu lassen. Bei Thomas Mohr passierte dies erfreulicherweise rechtzeitig.

Der junge Förstersohn in Schleswig-Holstein hatte eine kraftvolle Stimme, wurde dem Schulchor empfohlen, spielte im Posaunenchor - und weil er auch ein so angenehmes Organ hatte, „war ich bald in jedem Chor der Umgebung, sang im Kirchenchor und machte überall Musik". Als er einmal im heimatlichen Neumünster den NDR-Chor hörte, regte sich der Wunsch, Mitglied solch einer professionellen Singgemeinschaft zu werden. Als er vierzehn war, erhielt er Gesangsunterricht, mit 18 entschied er sich für den Sängerberuf.

Inzwischen ist ein Vierteljahrhundert vergangen und aus dem Jungchoristen ein begehrter Bariton geworden. Einer Partie hat er - oder sie ihm - seit zwei Jahrzehnten die Treue bewahrt: Das Solo in der Carmina burana sang Thomas Mohr bereits öffentlich, als er gerade sein Studium beim frühverstorbenen Karlheinz Pinhammer an der Musikhochschule Lübeck aufgenommen hatte - und mit diesen Cantiones profanae von Carl Orff hat er zuletzt im Sommer 2001 unter Rafael Frühbeck de Burgos in Sevilla und Tanglewood gastiert. Längst findet sich das Werk auch in Mohrs Diskographie und auch in seiner Filmographie: 1995 nahm er es beim Mitteldeutschen Rundfunk auf.

Da es Pinhammer laut Mohr wichtig war, „daß man die ,musikalische Wahrheit' eines jeden einzelnen Werks erfaßt", arbeitete er viel mit dem Kunstlied - und der 22jährige Mohr holte sich seine ersten Preise auf dem Liedsektor in Wien und London. Bald kamen erste Preise in Holland und in Berlin hinzu, dann auch im Fach Oper.

Das Lied trat in den Hintergrund, als der junge Sänger den normalen Weg ans Theater ging: „Vielleicht bin ich zu früh fest an die Oper gegangen. So mancher, der nach mir kam, ist erst Liedspezialist geworden und dann auf die Bühne getreten." Doch er hadert nicht, denn die zehn Opernjahre in Bremen, Mannheim und Bonn haben aus ihm einen Vielseitigen gemacht und vor allem seinem theatralischen Talent entsprochen. „Ich war voll eingespannt, erarbeitete mir ein großes Repertoire vor allem im deutschen Fach." Er sang die wichtigen Partien Mozarts und Lortzings, dann kamen Massenet, Verdi und Strauss hinzu.

Inzwischen ist seine raumgreifendes Stimme auch bei der Interpretation von Unbekanntem und Zeitgenössischem gefragt, seit er 1995 den Sprung in die Selbständigkeit wagte, etwa Die Soldaten von Manfred Gurlitt und Die Bacchantinnen von Egon Wellesz jeweils unter Gerd Albrecht, Arlecchino von Ferruccio Busoni unter Kent Nagano, Enrico von Manfred Trojahn unter Dennis Russell Davies.

Prüfstein Lied

Das Lied hat Thomas Mohr nicht vergessen. Beim Label Canterino liegen mit verschiedenen Begleitern fünf CDs mit diverser romantischer Literatur, etwa das Italienische Liederbuch und Die schöne Müllerin sowie Lieder der Jahrhundertwende vor. Eine Aufnahme mit Loewe-Balladen harrt bei cpo noch der Veröffentlichung - und auch eine mit der poetischen Oper Don Quixote von Wilhelm Kienzl (1857-1941, einst berühmt durch seinen Evangelimann): Hier singt er unter Gustav Kuhn die Titelrolle und hat James Wagner (Sancho Pansa) und Kirsten Blanck zur Seite. Der Bariton macht „Aufnahmen lieber live - aber vor allem Lieder sind unumgänglich im Studio für die Perfektion, die heute verlangt wird".

Der Konzertbereich steht bei Thomas Mohr inzwischen an erster Stelle. Er gastiert viel, hat in jüngster Zeit öfter auch Gustav Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen (sogar in St. Petersburg) gesungen. Ein fahrender Geselle ist der Familienvater auch seit einem knappen Jahrzehnt in seiner Heimat: Er hat einen Hof bei Neumünster gekauft. „Ich bewirtschafte ihn selbst - mit Nachbars Hilfe - und bestelle 40 Hektar Land mit Getreide und Rüben." Dort sitzt dann ein fahrender Sänger mit CD-Player auf dem riesigen Traktor und studiert aus voller Brust seine Partien.

Immer wieder fährt Thomas Mohr nach Lübeck zu seinem Freund, dem Kapellmeister Ludwig Pflanz: „Er kontrolliert mich sehr gut." Im Moment prüfen sie Thomas Mohr im Heldenfach: „Ich habe ja eine hohe Tessitura, und meine Stimme hat sich entsprechend entwickelt." Den Max (Frei-schütz) hat er schon einmal - und zur eigenen Zufriedenheit - öffentlich gesungen, der Siegmund (Walküre) ist in Arbeit.

Thomas Mohr ist international gefragt - und trotzdem heimatverbunden geblieben. „Als ich vor fünf Jahren ein Benefizkonzert für den Kindergarten im Dorf gab, fand das solchen Anklang, daß daraus die ,Klein Kummerfelder Kuhstall Konzerte' entstanden": Der Hofherr lädt befreundete Musiker ein, um eine Juli-Woche lang im Freien und bei schlechtem Wetter in dem eigenhändig ausgeräumten Wirtschaftsgebäude, das jetzt als Remise dient, abendliche Veranstaltungen zu bieten: ein dankbares Publikum wird bei kleinen Eintrittspreisen mit Oper und Lied, Spirituals und Jazz, Kammermusik und Kabarett bedacht. Den Abschluß bildet weiterhin ein Benefizkonzert: Der Sänger, dankbar für seine eigene Karriere, erfährt im Mikrokosmos des Landlebens hautnah, daß in der Welt viel Hilfe nötig ist.

Auswahldiskographie

Thomas Mohr

Bach: Matthäuspassion (Christus);
Bella musica 14.20.28

Busoni: Arlecchino (Matteo);
Virgin 667-759 313-2

Gurlitt: Die Soldaten (Stolzius);
Orfeo C 482 992 H

Marschner: Hans Heiling (Titelrolle);
Naxos MP 8223 306/07

Orff: Carmina Burana;
wergo 6275-2

Rimsky-Korssakoff: Mozart und Salieri (Salieri);
Canterino CNT 1081

Schubert: Die schöne Müllerin;
Canterino CNT 1062

Strauss: Ariadne auf Naxos (Harlekin);
Virgin 7243 545 111 27

Trojahn: Enrico (Arialdo);
cpo 999 160-2

Weill: Das Mahagony Songspiel/Die sieben Todsünden;
Decca 430 168-2

Wolf: Italienisches Liederbuch;

Canterino
CNT 1051-52

Günter Zschacke [1.11.2001]

Rollen und Besetzungen:

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