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Franz Grundheber

Bariton

* 27.09.1937 in Trier

Franz Grundheber feiert in der Spielzeit 2016/2017 sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. Anlässlich der Hänsel und Gretel-Vorstellung vom 26. Dezember 2016, um 14.30 Uhr, wird das Bühnenjubiläum des Hamburger Kammersängers in der Staatsoper gefeiert. 1966 engagierte ihn Rolf Liebermann an die Hamburgische Staatsoper, der er bis heute in einem permanenten Gastvertrag verbunden blieb und die ihn anlässlich seines 40-jährigen Bühnenjubiläums zum Ehrenmitglied ernannte. Franz Grundheber wurde 1937 in Trier geboren. Nach dem Abitur 1959 und drei Jahren als Offizier auf Zeit bei der Luftwaffe studierte er mit einem Stipendium an der Indiana University in Bloomington/USA Gesang bei Margaret Harshaw. 1975 begann mit seinem Debüt an der Wiener Staatsoper, wo er inzwischen über 450 Vorstellungen gesungen hat, seine internationale Karriere, die mit der Verpflichtung als Scarpia, für Beethovens 9. Symphonie und das Brahms-Requiem unter Herbert von Karajan einen ersten Höhepunkt erreichte. Das gesamte wesentliche deutsche, französische und italienische Baritonfach sang er an allen grossen internationalen Bühnen; zum Beispiel „Rigoletto“ als erster Deutscher an der Metropolitan Opera in New York in drei aufeinander folgenden Spielzeiten. Dazu brillierte er als Wozzeck nicht nur an der Met, sondern auch in elf weiteren Inszenierungen u. a. mit Abbado, Barenboim und zuletzt mit Patrice Chéreau als Regisseur. Barak, Mandryka, Jupiter, Holländer, Amfortas, Jago und den Simone Boccanegra sang er in Neuproduktionen in München, Hamburg, London, Frankfurt und Santiago de Chile. 2016 und 2017 singt Franz Grundheber neben Konzerten wie Elias, Jedermann, Monologe von F. Martin, Beethovens 9. in Kombination mit Der Überlebende von Warschau, eine Serie Barak in Leipzig, eine Serie Sprecher (Zauberflöte) in Hamburg. Zur Eröffnung der Elbphilharmonie ist er mit den Elbphilharmonikern unter Ingo Metzmacher als Moses (Moses und Aron) verpflichtet, den er mit großem Erfolg an der Wiener und Münchner Staatsoper und konzertant in der Berliner Philharmonie, in Madrid, Luzern und Strassburg gesungen hat. Franz Grundheber ist seit 1986 Hamburger Kammersänger und Ehrenmitglied der Wiener und Hamburger Staatsoper.

Biographie Diskographie [4] Texte [1]

Text

Facettenreiche Charaktere

Franz Grundheber

Zu seinen weltweit gefeierten Rollen zählen unter anderem Amfortas, Holländer, Wozzeck, Dr. Schön, Orest, Barak aber auch italienische Partien wie etwa Rigoletto, Macbeth, Jago, Simon Boccanegra und Amonasro. Der Bariton Franz Grundheber hat sich über Jahrzehnte hinweg seine stimmliche Flexibilität erhalten, wobei im deutschsprachigen Raum die Hamburgische Staatsoper und die Wiener Staatsoper für ihn so etwas wie eine künstlerische Heimat sind.

Sein erstes Engagement erhielt Franz Grundheber an der Hamburgischen Staatsoper, als Rolf Liebermann das Haus leitete. Als junges Ensemblemitglied war es selbstverständlich, daß der Sänger in möglichst vielen Baritonpartien des deutschen, französischen und italienischen Fachs mitwirkte. Später folgten dann die großen Wagner-Rollen, aber Flexibilität und Vielseitigkeit blieben für Franz Grundheber wichtige Voraussetzungen für seine Sängerkarriere. KLASSIK HEUTE« traf den Sänger in Wien.

KLASSIK HEUTE«: Sie sind derzeit der einzige aktive Bariton, der im Belcanto-Repertoire ebenso zu Hause ist wie im Charakter- und Wagner-Fach. War diese Vielseitigkeit immer Ihr erklärtes Ziel?

Franz Grundheber: Vielseitigkeit ist selbstverständlich erstrebenswerter als Einseitigkeit, gerade was die Ausübung eines künstlerischen Berufs angeht. Ich habe zum Glück eine Stimme, die aus der Sicht des Baritons weder nach oben noch nach unten begrenzt ist. Trotzdem strömt sie in der Lage des italienischen Repertoires selbstverständlicher, während ich in der tieferen Stimmlage des Charakter- und Wagner-Fachs die erforderliche Klangfarbe mit dem Einsatz stimmtechnischer Mittel und harter Arbeit den ganzen Abend lang ,erzeugen' muß. Für die Auswahl meiner Partien ist für mich immer entscheidend, ob ich die Positiva meiner Stimme einbringen kann: das heißt mit Belcanto, Farben, dynamischen Abstufungen und vom Text her entwickelten Phrasierungen eine psychologisch interessante Rolle zu erarbeiten! In Rollen wie Pizarro und Telramund stören mich das über fast den gesamten Abend erforderliche forte und fortissiomo mit dem gegen ein gewaltiges Orchester angesungen werden muß. Das können andere besser. Bei Wotan ist es die meiner Ansicht nach erforderliche Baßgrundfarbe, die einen vom Baß kommenden Sänger mit Höhe dafür prädestiniert. Darüber hinaus gibt es außer mir doch noch einige deutsche Kollegen, die bezüglich Vielseitigkeit mit mir konkurrieren. Eine Ausnahme ist das italienische Fach. Bereits vor etwa achtzehn Jahren sang ich in Paris unter Prêtre meinen ersten Macbeth, fünf Jahre danach holte mich Karajan als Scarpia nach Salzburg. Inzwischen habe ich Rigoletto in London, Scarpia mit Domingo unter Ozawa in Paris, Amonasro zur Eröffnung der Saison in Rom, als erster Deutscher Amonasro in der Arena di Verona und als erster Deutscher Rigoletto an der Met in New York gesungen, die mich für die kommenden Jahre bereits wieder verpflichtet hat. Meine künstlerische Heimat der letzten fünf Spielzeiten war vor allem Wien, wo ich in diesem Frühjahr mit Amonasro, Rigoletto, Macbeth, Scarpia, Amfortas, Dr. Schön und Kardinal Borromeo die gesamte Bandbreite meines Repertoires zeigen konnte. Mit dem Namen Franz Grundheber und nicht Francesco Grundello (wie ich einmal in einem Interview sagte) war es ein schwerer Weg und deshalb ein umso beglückenderer Erfolg.

KH: Gibt es konkrete Angebote für Hans Sachs?

FG: James King sagte mir mal vor fünfzehn Jahren: ‚Wenn du als Tenor den ‚Tristan' und als Bariton den ‚Sachs' ausläßt, singst du zehn Jahre länger.' Da ist bestimmt was dran. Vielleicht sollte es deshalb so sein, daß die Sachs-Projekte aus verschiedenen Gründen scheiterten. Wenn ich heute ein Angebot bekäme, würde ich zwei Jahre brauchen, um die Rolle zu lernen, denn außerdem singe ich ungefähr 60 Vorstellungen im Jahr aus meinem jetzt auf etwa 30 Rollen reduzierten Repertoire. Wenn ich dann in zwei Jahren Erfolg hätte, würde es weitere drei Jahre dauern, bis die großen Häuser mit ihrer wenigstens drei Jahre vorausreichenden Disposition mich einsetzen könnten. Dann singe ich lieber meinen Simone Boccanegra, Barak oder Wozzeck. Mit dem Sachs habe ich endgültig abgeschlossen.

KH: Ihre Stimme ist heute fülliger und facettenreicher denn je. Sie profitieren sicherlich von dem relativ späten Beginn Ihrer ganz großen Karriere.

FG: Nach einem zweijährigem Stipendium an der Indiana University in Bloomington USA (Margot Harshaw war meine einzige Lehrerin) und einem Sommer an der Music Academy of the West in Santa Barbara kehrte ich nach Deutschland zurück und wurde 1966 von Rolf Liebermann an die Hamburger Staatsoper engagiert. Ich hatte die große Chance, in den USA an dem der Universität angeschlossenen Opernhaus in acht Rollen unter anderem Masetto, Malatesta, Guglielmo, Rangoni und Escamillo Bühnenerfahrung zu sammeln, die mir in Deutschland den Weg über die Provinz ersparte. In Hamburg, wo damals die letzten Jahre des legendären Ensembletheaters unter Rolf Liebermann zu Ende gingen, war ich in der Lage, auf Grund dieser Bühnenerfahrung kleine, mittlere und dann auch größere Rollen ohne Bühnen- und Orchesterproben zu übernehmen. Ich sang eine unglaubliche Anzahl von Rollen und Vorstellungen. Schon im zweiten Jahr Mozarts Figaro, Masetto, Schaunard, Donner, Heerrufer, Silvio usw. Im zweiten Jahr 162 Vorstellungen! Insgesamt bis heute etwa 150 Rollen, alle die kleinen und mittleren der ersten Jahre mitgerechnet, davon aber 75 erste Fachpartien. Und trotzdem wurde ich in Hamburg nicht überfordert. Ich konnte von großen Kollegen lernen. So gab mir Mathieu Ahlersmeier ganz, ganz wichtige Ratschläge, nämlich das schwere italienische und deutsche Fach nicht vor 40 zu singen, gewiß einer der Gründe, warum meine Stimme heute noch intakt ist. So wichtig diese ersten 10-15 Jahre waren, vor jetzt etwa 15 Jahren erkannte ich, daß ich aus der ‚Hamburger Kinderstube' ausfliegen mußte, denn erste große Erfolge bei Produktionen mit vier bis fünf Wochen Proben bewiesen mir, wieviel besser ich unter diesen Bedingungen sein konnte als der Hamburger Hausbariton, der 90 Prozent seines Repertoires ohne Orchester- und Bühnenproben erarbeitet.

KH: ,Wozzeck' war ja auch an der Wiener Staatsoper einer Ihrer ganz großen Erfolge. Hatten Sie vor dem Werk Schwellenangst?

FG: Nein. Meine erste ,Wozzeck'-Premiere sang ich bei Mortier in Brüssel in einer wunderbaren Inszenierung mit Anja Silja als Marie, mit der mich seitdem eine kollegiale Freundschaft verbindet und die mir sehr geholfen hat. Für mich ist ,Wozzeck' schlicht gesagt die perfekteste Oper, was die Symbiose von Text und Musik angeht. Nur Barak und Simone Boccanegra sind noch Rollen, die genau soviel Ehrlichkeit und Demut verlangen, Rollen, die auch ganz einfach die Summe von Lebenserfahrung verlangen, für die man ein bestimmtes Alter erreicht haben muß und für die man wissen muß, was Liebe, Tod, Enttäuschung usw. bedeuten, von denen man ‚singen und sagen' muß.

KH: Ihre Interpretationen bauen immer auf eine wortbezogene Phrasierung. Ist das auch der Grund, weshalb Sie keine Partien in einer Ihnen fremden Sprache singen?

FG: Meine Erfahrungen vor rund 20 Jahren, als ich in ,Chowantschina' in Hamburg mit Talvela und Ghiaurov auf der Bühne stand und ich die Rolle phonetisch gelernt hatte, führten dazu, daß ich mir schwor, nie mehr in einer Sprache zu singen, die ich nicht beherrsche! Ich muß doch den Sinn der Worte erfassen, um deren Aussage transportieren zu können. Gesangspartien sind schließlich keine Vokalisen! Claudio Abbado zum Beispiel hatte mich vor Jahren gefragt, ob ich bei den Salzburger Festspielen den Schischkow in Janáˇceks ,Totenhaus' singen möchte, was ich aber abgelehnt habe, da es meiner Ansicht nach sinnlos ist, eine Partie, die einen 20 minütigen Monolog beinhaltet, phonetisch zu lernen. Ich plädiere sogar dafür, auch bei Werken in deutscher Sprache Übertitel einzuführen, wie es etwa in Amerika bei englischsprachigen Opern bereits geschieht. Denken Sie nur an die Texte Richard Wagners. Als Amfortas singe ich einen Satz, der sich über zwanzig Zeilen des Textbuchs erstreckt. Ich bin überzeugt, daß selbst eingefleischte Wagnerianer während einer Aufführung diesem syntaktisch komplexen Gebilde nicht folgen können. Außerdem tendieren ja Regisseure immer mehr dazu, ihre Konzepte zu realisieren, anstatt Text und Musik eines Werks zu interpretieren.

KH: Sie gelten doch als Anhänger moderner Inszenierungen...

FG: Ich war lange Zeit sogar dafür berüchtigt, mit konventionellen Inszenierungen nichts anfangen zu können. Heute werden Stücke allerdings sehr oft in das Korsett eines Konzepts gezwängt, wobei manche Aspekte klar herausgearbeitet werden, die Handlung aber auf der Strecke bleibt. Etwa bei Robert Carsens Wiener Inszenierung der ,Frau ohne Schatten' werden natürlich neue psychologische Perspektiven eröffnet; nur, die Welt des Baraks, die Strauss auch musikalisch deutlich von der des Paares Kaiser/Kaiserin abgrenzt, findet durch das Einheitsbühnenbild keine szenische Entsprechung. Es ist schwierig, auf der Bühne einen Charakter zu kreieren, wenn sich die Regie über den gesungenen Text hinwegsetzt.

KH: Sind Sie glücklich darüber, Bariton zu sein oder wären Sie lieber Tenor geworden?

FG: Ich bin sehr glücklich, Bariton zu sein. Von der Stimmlage her überschneidet er sowohl das Baß- als auch das Tenorfach; und von der Klangfarbe her kann er im Idealfall den Glanz des Tenors und die Wärme des Basses in sich vereinen. Er muß nicht, wie der Tenor, immer an die Grenzen seiner oberen Lage gehen. Ein g' oder gis' als höchster geschriebener Ton im Baritonfach wird einen Bariton weniger nervös machen, wenn er weiß: Ich kann in Vokalisen bis zum b' oder h' singen - was die meisten Top-Baritone können. Das geforderte c'' eines Tenors ist fast immer das ‚Ende der Fahnenstange'. Ich kenne keinen, der darüber ein mit voller Stimme gesungenes d'' zur Verfügung hat. Die Gefahr des ‚Absturzes' ist ja auch einer der Gründe für die Faszination des Tenors beim Publikum. Ein weiterer Grund für den ‚glücklichen Bariton' ist die Tatsache, daß Tenöre zu achtzig Prozent die Rolle des jugendlichen Liebhabers auf der Bühne darzustellen haben, was in der Zeit des modernen Regietheaters ab einem gewissen Alter problematisch ist. Als Bariton kann ich dagegen in vielen meiner Rollen auf der Bühne älter werden, wenn die Stimme intakt bleibt und ich es schaffe, nicht gerade wie ein fetter, alter Bonvivant auf der Bühne zu erscheinen, was mit Disziplin, Schminke und einem guten Kostümbildner nicht allzu schwer ist. Dazu kommt, daß die zu verkörpernden Charaktere des Baritonfachs viel interessanter, gespaltener sind als die des Tenors - aber auch die des Baßfachs.

KH: Nennen Sie doch bitte ein Beispiel!

FG: Es würde zu weit führen, Interpretationskonzepte auch nur für eine Rolle anzuführen. Grundsätzlich geht es mir darum, aufzuzeigen, wo die Abgründe und Brüche in den Charakteren sind, die auf den ersten Blick positiv erscheinen wie Barak, Jochanaan, Germont, Simon Bocca-negra, Rigoletto, und bei den vordergründigen Bösewichtern wie Jago oder Scarpia die psychologischen Hintergründe und menschlichen Aspekt zu erkennen und all dies dem Publikum verständlich zu machen.

Auswahl-Diskographie Franz Grundheber

Berg: Wozzeck (Titelrolle); Waltraud Meier, Mark Baker, Endrik Wottrich, Graham Clark, Günther von Kannen, Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboin.
Teldec 0630-14108-2

Berg: Wozzeck (Titelrolle); Hildegard Behrens, Heinz Zednik, Aage Haughland, Philip Langridge, Wiener Philharmoniker, Claudio Abbado.
DG 423 587-2

Humperdinck: Hänsel und Gretel (Vater); Ann Murray, Edita Gruberova, Gwyneth Jones, Christa Ludwig, Staatskapelle Dresden, Colin Davis.
Philips 438 013-2

Strauss: Die Frau ohne Schatten (Barak); Deborah Voigt, Hanna Schwarz, Ben Heppner, Staatskapelle Dresden, Giuseppe

Sinopoli.
Teldec 0630-13156-2

Strauss: Arabella (Mandryka); Kiri Te Kanawa, Helga Dernesch, Peter Seiffert, Orchester der Covent Garden Oper, Jeffrey Tate.
Decca 417 623-2

Strauss: Der Rosenkavalier (Herr von Faninal); Kiri Te Kanawa, Anne Sophie von Otter, Barbara Hendricks, Kurt Rydl, Staatskapelle Dresden, Bernard Haitink.
EMI 7 544493 2

Rainhard Wiesinger [1.10.2001]

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Facettenreiche Charaktere

Franz Grundheber

Zu seinen weltweit gefeierten Rollen zählen unter anderem Amfortas, Holländer, Wozzeck, Dr. Schön, Orest, Barak aber auch italienische Partien wie etwa Rigoletto, Macbeth, Jago, Simon Boccanegra und Amonasro. Der Bariton Franz Grundheber hat sich über Jahrzehnte hinweg seine stimmliche Flexibilität erhalten, wobei im deutschsprachigen Raum die Hamburgische Staatsoper und die Wiener Staatsoper für ihn so etwas wie eine künstlerische Heimat sind.

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