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Florian Uhlig

* 1974 in Düsseldorf

Biographie Diskographie [16] Texte [1]

Text

Origneller Geist

Florian Uhlig

Als der Bariton Hermann Prey sich für seine letzten Liederabende im Jahre 1998 einen unbekannten jungen Pianisten als Klavierpartner erkor, spitzte man allseits überrascht die Ohren. Einen so subtil und intelligent begleitenden Tastenkünstler wollte man auch im Solorecital erleben. Zurecht, denn unversehens entpuppte sich der heute 27 Jahre alte Florian Uhlig als eine der vielversprechendsten deutschen Klavierhoffnungen.

Wer Gelegenheit hatte, Florian Uhlig schon früher bei Meisterkursen seines berühmten Londoner Privatlehrers Peter Feuchtwanger zu hören, mochte zunächst Bedenken haben – zuweilen schien er da allzu unbekümmert auf seine stupenden motorischen Gaben zu vertrauen. Mittlerweile nutzt er sie konsequent zur Auslotung musikalischer Tiefendimensionen und ist zum klugen Gestalter gereift. Seine erste CD mit dem Titel Venezia beleuchtet melancholisch das romantische Gondellied – ein Genre, das als wohl bekanntestes Exemplar Chopins Barcarolle hervorgebracht hat. Ihren klanglichen Facettenreichtum weiß Uhlig ebenso unsentimental wie differenziert zu beleuchten. Neben abenteuerlich Exotischem von Ignace Gibsone oder Johann Joseph Abert begegnet dem Hörer auf dieser schwankenden Wasserfahrt auch Altbekanntes von Mendelssohn und Liszt sowie eine klangexperimentierfreudige Eigenkomposition aus der Hand des Pianisten.

In unmittelbarem Zusammenhang mit dieser CD steht eine Doktorarbeit, der sich Florian Uhlig an der University of London gerade widmet – sie gilt venezianisch inspirierter Klaviermusik. Daß er sie nach Abschluß seines Klavierstudiums am Royal College of Music neben seiner Pianistenkarriere aufgenommen hat, zeugt von seiner Begabungsfülle und geistigen Energie.

Was es jenseits des Klavierdeckels zu entdecken gibt, hat ihn schon immer interessiert – als Schüler studierte er bereits Kirchenmusik und gewann nebenbei den Bundeswettbewerb Fremdsprachen im Fach Latein. Im Gespräch mit KLASSIK HEUTE« erwies sich Uhlig als ungemein origineller Kopf, der seinen im Zeitalter des Internets fast altmodisch anmutenden Beruf mit ungewöhnlichen Ideen neu zu definieren sucht.

KLASSIK HEUTE: Ihre erste offizielle CD ist vor kurzem bei ,black box’ erschienen, einem jungen englischen Label...

Florian Uhlig: ...mit interessanten, experimentellen Konzepten. Die haben ganz klein angefangen und sind mittlerweile eine Art Shooting-Star-Label, insbesondere in London. Ich habe das große Privileg, meine Ideen vollkommen frei realisieren zu können. Das ist heute ja kurioserweise zur Ausnahme geworden. Mir ist zu Ohren gekommen, daß selbst berühmteste Pianisten sich vorschreiben lassen müssen, welche Werke sie nun einspielen und welche nicht. Eigentlich ein Skandal!

KH: Wie wurde man dort auf Sie aufmerksam?

F. U.: Der Produzent war sehr angetan vom Programm eines Konzertes, das ich 1999 in der Londoner Wigmore Hall gab. Die erste Hälfte bestand aus Werken, die mit Insekten zu tun haben, die zweite aus Glockenstücken. Diese Art von Programmideen schien genau zu deren Philosophie zu passen. Ganz oben auf der Liste der Entwürfe, die wir dann zusammen erarbeiteten, stand ,Venezia’.

KH: Der Titel Ihrer ersten CD! Was reizte Sie an diesem Sujet?

F. U.: Auf die Idee kam ich, als eine venezianische Konzertgesellschaft mich zu einer Reihe von Klavierabenden einlud. Zu diesem Anlaß komponierte ich ein Stück, das Motive der venezianischen Gondellied-Tradition mit den Klängen indischer Musik vermischt, wie man sie von Ravi Shankar kennt, dem berühmten Sitarspieler.

KH: Auf den ersten Blick zwei völlig verschiedene musikalische Welten!

F. U.: Und doch finden sich reizvolle Assonanzen zwischen den verschwimmenden Klängen der Sitar und den vom Wasser inspirierten Gondelliedern. Der Titel ,Ravi Shankar – Venezia’ lehnt sich an Liszts ,Richard Wagner – Venezia’ an. Es ist eine kleine Spielerei mit verschiedenen Ebenen! Ich dachte mir, man könnte doch ein ganzes Programm zum Motto ,Venedig’ zusammenstellen. Als ich in den Schubladen der Musikgeschichte zu graben anfing, entdeckte ich an der Flut der zutage tretenden Resultate, wie faszinierend das Phänomen Venedig für die Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts gewesen sein muß. Am Ende hatten wir zu viele Stücke und entschlossen uns, als Zugabe eine Single zu veröffentlichen, die unter anderem mein Arrangement von Mahlers ,Adagietto’ aus der fünften Sinfonie enthält – eine Reminiszenz an Thomas Manns ,Der Tod in Venedig’.

KH: Singles kennt man ja eigentlich nur aus der Popmusik!

F. U.: Damit wird ganz bewußt kokettiert! Die Single ist nur per Internet erhältlich und man kann sich sogar gratis Sample-Tracks herunterladen. Das ist eine ganz spannende Sache!

KH: Am Ende Ihres Programms taucht dasselbe musikalische Motiv wie am Anfang auf. Hat das eine besondere Bedeutung?

F. U.: Ich wollte damit so etwas wie eine Homepage schaffen, wie mir erst im Nachhinein richtig klar geworden ist: Das musikalische Motiv des Karneval in Venedig als Ausgangspunkt und Endpunkt. Man tritt erst in die Stadt ein, macht eine kleine Rundfahrt, schaut sich die verschiedenen Kanäle, kleinen Brücken und Hinterhöfe an. Zum Abschied und als Erinnerung erklingt schließlich dasselbe Motiv wieder in Chopins ,Souvenir de Paganini’. Das Programm ist so konzipiert, daß man die Reihenfolge beliebig verändern kann, zum Beispiel mit dem Zufallsmodus einer Stereoanlage: Jedesmal wird eine neue Geschichte erzählt. Ein Format also, das die Technik zum Künstler macht. Da sind wir unversehens bei Walter Benjamin und dem ,Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit’. Es hat mich gereizt, die Technik nicht nur als Zeichen unserer Zeit anzusehen, sondern sie nachgerade zur Hervorbringung eigener ästhetischer Möglichkeiten zu zwingen.

KH: Möglichkeiten, von denen in der modernen Kunst ja auch sonst nicht selten Gebrauch gemacht wird.

F. U.: Ich würde noch weiter gehen und meine CD vergleichen mit einem Container aus verschiedenen Episoden, wie man ihn aus der Medienwelt von ,Big Brother’ kennt. Das Motiv ,Venedig’ selbst hat ja ausgesprochen populistische Züge. Alle können damit etwas anfangen, viele haben gar ihre Flitterwochen dort verbracht, es ist diese Glitzerstadt. Die Enge der venezianischen Gäßchen kann ebenso wie ein Container regelrecht klaustrophobische Zustände auslösen. Ich wollte so eine Art Pendant zu diesem bizarren Fernsehereignis schaffen. Einen akustischen Container, in den wir wie Voyeure hineinschauen können und einzelne Episoden erzählt bekommen in Gestalt dieser Salonstücke, die als fast zu elegante Platitüden daherkommen.

KH: Einige Kompositionen ihres Programms scheinen nicht recht in das gewählte venezianische Genre zu passen!

F. U.: Das stimmt. Es sind die Stücke von Marcello, Malipiero und Galuppi. Einige Kritiker haben mir das auch angekreidet. Die Verbindung zu Venedig stellt sich jedoch durch die Geburtsurkunde der Komponisten her, alle drei sind nämlich Venezianer. Einerseits stelle ich also mit einer Auswahl von Stücken aus der Gondellied-Tradition eine venezianische Authentizität her, durchbreche sie aber andererseits mit Kompositionen, die zu dieser Tradition nicht gehören. Aus einer anderen Perspektive jedoch repräsentieren gerade die drei Komponisten dieser genrefremden Stücke als gebürtige Venezianer das wirkliche Venedig, und die anderen werden zu Fremdkörpern. Man kann also verschiedene Ebenen auf dieser CD entdecken und alles tausendmal umdrehen, dann wird das alles ganz irre!

KH: Haben Sie schon weitere Aufnahmepläne?

F. U.: Vermutlich wird im Laufe des nächsten Jahres eine Aufnahme von Beethovens Sonate op. 111 erscheinen. Die Arietta wird man sich vielleicht vom Internet herunterladen können. Ich frage mich, ob Beethoven damit einverstanden wäre. Mozart sicherlich, der war ja auch so ein experimentierfreudiger Mensch.

KH: Wie gehen Sie mit der Last der Interpretationsgeschichte um, die ja gerade im Falle von Beethovens letzter Sonate zentnerschwer ist?

F. U.: Die Schwierigkeit ist tatsächlich, daß wir uns alle messen müssen an den legendären Aufnahmen vorangegangener Generationen. Das ist einerseits eine große Belastung, andererseits eine spannende Herausforderung. Ich versuche da neue Wege zu gehen und empfinde es in diesem Zusammenhang als eine besondere Chance, ein solches Werk erstmals über das neue Medium Internet zugänglich machen zu können.

KH: Auf Ihrer aktuellen CD finden sich zahlreiche unbekannte Stücke. Wer hat diese Neugier auf unbegangene Repertoirepfade in Ihnen geweckt?

F. U.: Zunächst sicherlich mein Londoner Privatlehrer Peter Feuchtwanger, der seinen Schülern immer wieder die Augen zu öffnen versucht für den unglaublichen Reichtum des Klavierrepertoires. Zur bedeutungsvollen Koppelung von bekannten und weniger bekannten Stücken hat mich aber insbesondere Hermann Prey inspiriert. Wir hatten zum Beispiel ein Programm mit dem Titel ,Original und Fälschung’. Er sang jeweils ein Schubert-Lied, und ich spielte unmittelbar darauf die jeweilige Paraphrase von Liszt oder Godowsky. Die Idee ist vielleicht gar nicht so originell, beinhaltet aber schon ein narratives Element, erzählt also eine Art von Geschichte.

KH: Wie und wann kam Ihre Zusammenarbeit mit Prey zustande?

F. U.: Im Herbst 1997 brauchte Prey für ein Konzert im Festival Bad Urach kurzfristig eine Vertretung für seinen Begleiter. Vier Wochen vor dem Konzert bekam ich eine Anfrage. Ich sagte zu und man schickte mir die einzustudierenden Stücke nach Asien, wo ich gerade auf Tournee war. Wir haben uns dann ganz gut zusammengerauft. Ich hatte vorher noch nie in meinem Leben ein Lied begleitet. Gleich mit Hermann Prey ins eiskalte Wasser geworfen zu werden, das war schon eine gewisse Nervenprobe. In den wenigen Monaten, die wir bis zu seinem Tod 1998 zusammenarbeiten konnten, habe ich unglaublich viel von ihm gelernt. Jedes der Konzerte wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

KH: Ihr Interesse an narrativ aufgebauten musikalischen Programmen spiegelt sich auch in einer Doktorarbeit, an der Sie gerade arbeiten.

F. U.: Ja. Es geht darin um Genre, Narrativität und Vokabular im Aufführungsprozeß venezianisch inspirierter Klaviermusik. Dabei kommen mir viele Notizen zugute, die ich seit Jahren gesammelt habe in einer Art musikalischem Tagebuch, in das pianistische, ästhetische und sogar bescheidene philosophische Aspekte eingeflossen sind. Immer wenn ich das Gefühl hatte, etwas Besonderes entdeckt zu haben, notierte ich es in diesem Tagebuch, das inzwischen schon auf die beängstigende Größe von ungefähr zehn Mappen angewachsen ist. Die Idee dahinter ist, im Laufe von Jahren so etwas wie einen Kaffeesatz anzusammeln, aus dem man eines Tages vielleicht etwas herauslesen kann. Der Aufhänger meiner Arbeit ist ganz konkret die ,Venezia’-CD mit all ihren verschiedenen Bedeutungsebenen und Schichten. Es geht mir unter anderem darum, die Elemente des venezianischen Vokabulars herauszukristallisieren, diesen wiegenden Sechsachteltakt und die leicht säuselnden Terzenmelodien. Das hat auch viel mit Semiologie zu tun. Ich gehe zudem der Frage nach, wie dieses Gondellied-Genre eigentlich entstanden ist und welche Erzählstrukturen sich dahinter verbergen. Chopin zum Beispiel war ja nie in Venedig und hat doch – eigentlich unverschämt – eine ,Barcarolle’ geschrieben und sich dabei eines ganz bestimmten Vokabulars geradezu voyeuristisch bedient. Schließlich will ich auch die Rezeptions- und Interpretationsgeschichte unter die Lupe nehmen, zu der meine CD als jüngste Schicht inzwischen ja auch gehört.

KH: Theorie und Praxis scheinen sich da wunderbar zu ergänzen!

F. U.: Das ist auch der Gedanke hinter meinem Studienfach, das sich ,Performance Practice’ nennt. In Deutschland gibt es etwas derartiges gar nicht. Man versucht in England und Amerika damit, so eine Art Kombination zu finden zwischen Musikwissenschafts- und Instrumentalstudium. Ich betrachte mein Thema also sowohl aus der Perspektive des Wissenschaftlers als auch aus der des ausübenden Künstlers.

KH: Ihre musikalische Ausbildung ist enorm vielseitig und umfangreich. Was halten Sie von der üblichen Musikhochschulausbildung?

F. U.: Ich bin mir im Zweifel, ob das traditionelle Ausbildungssystem noch zeitgemäß ist. Die Studenten üben doch immer noch alle die großen Schlachtrösser der Klavierliteratur ein, Klavierkonzerte von Chopin und Tschaikowsky, die ,Waldsteinsonate’ oder die ,Appassionata’, als würden wir alle demnächst nur noch im Münchner Herkulessaal oder der New Yorker Carnegie Hall auftreten. Ich sehe das mit großer Besorgnis! Unzähligen jungen Musikern wird Jahr für Jahr vorgegaukelt, sie würden irgendwann einmal eine große Karriere als Pianisten machen. Die vielen hochinteressanten anderen Musikberufe, sei es im Zusammenhang mit neuen Medien, mit dem Toningenieurbereich oder der Wissenschaft, werden gar nicht vermittelt. Nicht einmal das Interesse dafür wird geweckt! Gleichzeitig ist das musikalische und pianistische Trainingsangebot unverständlicherweise höchst einseitig. Man denke nur einmal daran, daß zu Bachs Zeiten ein Instrumentalist nicht nur einfach sein Tastenhandwerk beherrschte, sondern auch improvisieren, transponieren und komponieren konnte. Solche Dinge kann man nicht einfach in Form von kleinen Scheinchen abhaken. Das sogenannte musikalische Handwerk bleibt letztlich auf der Strecke. Das Musikstudium ist angesichts der heutigen Konkurrenzsituation viel zu vordergründig. Würde mir heute jemand eine Professur an einer deutschen Musikhochschule anbieten, fühlte ich mich zwar einerseits sehr geehrt, hätte andererseits aber ein schlechtes Gewissen. Die Musikhochschulen versündigen sich am Schicksal junger Menschen. Ich würde versuchen, da Dinge zu bewegen!

KH: Es wird also generell unterschätzt, welche enormen Anforderungen an junge Musiker heute im Beruf gestellt werden?

F. U.: Ich glaube schon. Musikalität und perfekte Technik sind ja lediglich Grundvoraussetzungen. Es geht heute darum, auf ganz neue Art die Schätze der klassischen Musik zu erschließen. Man darf keine Mimose sein und muß enorme Geduld haben, denn auf dem Weg erwarten einen viele Rückschläge und Ernüchterungen. Man muß ,a tough cookie’ sein, wie es in England heißt. Ein harter Keks! Sonst geht man auch emotional vor die Hunde in diesem Geschäft! Die klassische Musik hat ja auch einfach an Stellenwert verloren im Vergleich zu früher. Noch vor gut hundert Jahren waren Ignaz Paderewski und Louis Moreau Gottschalk die Stars der Zeit – heute ist das Michael Schumacher, der ja bekanntlich Rennfahrer ist und nicht Pianist. Obwohl wir natürlich unser Publikum haben, sind wir klassischen Musiker heute so etwas wie eine Enklavenpopulation geworden. Um so wichtiger ist es, das wir uns ständig neue Herausforderungen suchen. Sie stellen sich ja von selbst in Form von Millionen von Schallplatten, die sich im Laufe der mittlerweile hundertjährigen Tonträgergeschichte angehäuft haben und von uns eine Antwort verlangen. Wir können nicht einfach vor uns hinnudeln und abkassieren, wie das die drei Tenöre machen!

CD-Hinweis

Florian Uhlig:
Venezia
– Werke von Gibsone, Abert, Liszt, Uhlig, Chopin, Mendelssohn, Marcello, Alkan, Malipiero, Galuppi, Fauré;

black box BBM 1054
(Vertrieb: Note 1)

Peter Schlüer [1.12.2001]

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