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Ragna Schirmer

* 1972 in Hildesheim

Biographie Diskographie [8] Texte [1]

Text

Gipfelstürmerin

Ragna Schirmer

Einen Coup hat sie mit ihrem CD-Debüt vor einem Jahr gelandet, die junge Pianistin Ragna Schirmer. Keck, wie es auf den ersten Blick scheint, bestieg sie mit dem Bachschen „Goldberg“ gleich einen Achttausender in der Musikwelt und eroberte sich damit im Handstreich die Gunst der Fachpresse.

Überraschend originell spannte sie mit ihrer zweiten Einspielung einen riesigen Bogen über beinahe die gesamte Klaviermusikgeschichte zu den Sonaten Alfred Schnittkes, deren dritte und letzte im Jahre 1992, genau ein Vierteljahrtausend nach Bachs Goldberg-Variationen entstand. Ob es nicht schon hinreichend viele Deutungsvarianten dieser Aria und ihren 30 Veränderungen gibt, könnte man fragen – denn wie ein Pianistenlexikon liest sich die Reihe der mittlerweile weit über fünfzig Interpreten, deren Fähnchen heute auf dem goldenen Gipfel flattern. Bereits dem 23 Jahre alten Glenn Gould war seitens seiner Plattenfirma abgeraten worden von dem sperrigen und vertrackten Stück – es gehöre doch in gewisser Weise schon der legendären Cembalistin Wanda Landowska, die es so wunderbar verewigt hätte...

Ragna Schirmer hat sich von diesen erdrückenden Sedimenten der Interpretationsgeschichte nie irritieren lassen, nicht aus Ignoranz, sondern weil eine ganz persönliche Geschichte sie seit ihrer Kindheit mit dem Stück verbindet: Als sie sich mit dreizehn Jahren in den Kopf setzt, alle Etüden von Chopin zu spielen, bekommt die Lehrerin angesichts der dort versammelten fingerbrecherischen Schwierigkeiten Angst um die Hände ihrer Schülerin und lenkt den kindlichen Ehrgeiz, das „Größte“ bewältigen zu wollen, auf das Bachsche Meisterwerk.

„Diese Aria kam mir beim ersten Mal schon sehr komisch vor“, erinnert sich Ragna Schirmer, „aber als ich für die folgende Unterrichtsstunde die ersten fünf Variationen einstudiert hatte, merkte meine Lehrerin, daß es mir ernst war und setzte ein Hauskonzert an, das vier Monate später stattfinden sollte.“ Ein kühner pädagogischer Anreiz, der sich aber als richtig herausstellte: Die begabte Schülerin erarbeitet alle Variationen in der gesetzten Frist und trägt sie auswendig vor – eine Sensation, die ihr sogar zu ersten öffentlichen Klavierabenden mit dem schwergewichtigen Werk von Bach verhilft. In einigen Konzerten versetzt sie das Publikum gleichsam in die Rolle des unter Schlafstörungen leidenden Auftraggebers der Variationen – Graf Hermann Carl von Keyserlingk – und spielt jede beliebige Variation auf Zuruf, wie es einst sein Hauspianist Johann Theophilus Goldberg in langen Nächten getan haben mag. „Der wirklichen Tragweite dieses Stückes bin ich mir natürlich erst einige Jahre später bewußt geworden“, bekennt sie heute.

Berufung gefunden

Eigentlich wollte sie Tänzerin werden – mit vier Jahren nahm sie ersten Unterricht –, doch der Rücken machte nicht mit. Drei Jahre später beginnt sie mit dem Klavierspiel und merkt schnell, „daß das mein Ding ist“, wie sie sagt. Nach einem Jahr Unterricht beteiligt sie sich erstmals an einem Wettbewerb, gewinnt zwar noch keinen Preis, ist aber schon mit vollem Ernst bei der Sache. Die ersten Erfolge lassen nicht lange auf sich warten: Mit neun Jahren gewinnt sie den Regionalwettbewerb „Jugend musiziert“ ausgerechnet mit der zweiten Etüde von Chopin, dem allseits gefürchteten chromatischen Legatomartyrium für den vierten und fünften Finger der rechten Hand. Ihre pädagogisch gewitzte Lehrerin hatte ihr weisgemacht, diese Etüde sei die leichteste von allen. Als der jungen Elevin klar wird, daß es in Wirklichkeit die schwerste ist, die sie da bewältigt hat, will sie irgendwann sämtliche Etüden spielen und wird – wie bereits erwähnt – mit dreizehn Jahren auf Bachs pianistisches opus magnum angesetzt. Zu diesem Zeitpunkt hat sie schon zwei erste Preise bei internationalen Jugendwettbewerben gewonnen, die ihr das Gefühl geben, ihre Berufung gefunden zu haben.

Wettbewerbe ziehen sich gleich einem roten Faden durch Ragna Schirmers Biographie, wie heute üblich bei jungen Virtuosen. Unüblich allerdings ist die Erfolgsrate der Pianistin – insgesamt fünfzehn erste Preise bei nationalen und internationalen Konkurrenzen hat sie mittlerweile einheimsen können, angetrieben von einer guten Portion sportlichen Ehrgeizes. Doch keiner dieser Preise war verbunden mit jenem erträumten großen Paukenschlag, der den Beginn einer gloriosen internationalen Karriere bedeutet hätte – auch eine übliche Erfahrung für junge Virtuosen von heute, die ihnen früh und unbarmherzig den Inflationsdruck im Musikmarkt vor Augen führt. „Als ich den ersten großen internationalen Wettbewerb gewonnen hatte, dachte ich – so, jetzt klingelt das Telefon. Aber es tat sich gar nichts. Das war natürlich erstmal sehr ernüchternd.“ Erst im Rückblick erkennt sie, wie wichtig die Wettbewerbe trotzdem waren – als kompromißlose Selbstkonfrontation und als Erweiterung der eigenen Kraftreserven, von denen sie heute zehren kann im wirklichen Konzertleben. Daß dieses seine ganz eigenen Gesetze hat, weiß sie mittlerweile. Wichtig solle man sie nehmen, die Wettbewerbe, aber nicht zu ernst...

Die erste Aufnahme

Ein zweiter Faden zieht sich durch Ragna Schirmers Biographie, der goldene der dreißig Bachschen Variationen. Er ist unauflösbar verbunden mit dem roten Faden der Wettbewerbe: Schon als Kind beginnt sie sich an die Konkurrenzen der Erwachsenen heranzupirschen. Zuerst soll es nach Bozen gehen – wo schon Martha Argerich unter dem Namenspatronat Ferruccio Busonis ihr Glück versucht hatte –, denn dort wird die erste Runde unter Ausschluß der Öffentlichkeit und im Schutze der Anonymität ausgetragen. Eine perfekte Versuchsanordnung für eine Fünfzehnjährige, die sich ihre erste Kraftprobe mit teilweise mehr als doppelt so alten Konkurrenten liefern will. Ragna Schirmer schlägt den Großteil ihrer Mitstreiter aus dem Feld und geht mit ihrer Interpretation der Bachschen Goldberg-Variationen als jüngste Finalistin aller Zeiten in die Geschichte des Busoni-Wettbewerbes ein. Sieben Jahre später spielt sie das gleiche Werk beim Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig und gewinnt den zweiten Preis, ein erster wird nicht vergeben. Das gleiche gelingt ihr weitere sechs Jahre später im Jahre 1998 noch einmal, diesmal ohne die Goldberg-Variationen, denn natürlich hat sie noch eine Menge mehr Bach im Kopf als nur ihren einen Glücksbringer.

Doch gerade mit diesem Glücksbringer im Gepäck ist sie nicht nur bei Wettbewerben, sondern auch in unzähligen Konzerten für kleine, aber umso aufmerksamere Hörerschaften in der Provinz erfolgreich, wo sie Bühnenerfahrung für ihre glanzvollen Auftritte in den großen Sälen von Berlin, München, Hamburg, London und Paris sammelt. Kurz nach der Wende hat sie das Glück, in ein Förderprogramm für junge Künstler aufgenommen zu werden, das ihr jede Menge Termine verschafft, vor allem in Konzertreihen im Osten Deutschlands, die vor dem Untergang bewahrt werden sollen. Obwohl sie dort oft mit katastrophalen Flügeln zu kämpfen hat, lernt sie die Reize intimer Aufführungen in kleinen Sälen und Kirchen besonders zu schätzen. Noch heute spielt sie oft und gerne im Osten Deutschlands.

Das Treffen zum Interview beispielsweise findet im sächsischen Städtchen Plauen statt, wo sie nach einem temperamentvoll dargebotenen ersten Klavierkonzert von Prokofieff ihr Publikum mit Running out verblüfft, einem irrwitzigen Stück des 25 Jahre alten südafrikanischen Komponisten Robert Fokkens, das vertrackte Rhythmen, jazzartige Elemente und Motive aus Tänzen, die sich „Zulu“ und „Kwela“ nennen, kunstreich miteinander verwebt. Kürzlich traf sie den jungen Mann in London, und er versprach ihr, etwas für sie zu komponieren...

Im Juni 1999 entschließt sich Ragna Schirmer, auch auf Wunsch vieler Konzertgänger, eine Aufnahme zu machen von dem Werk, das ihr am meisten am Herzen liegt – ungeachtet der zahllosen Einspielungen, die es schon gibt. An eine Veröffentlichung unter einem professionellen Label denkt sie zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht. „Zusammen mit einem befreundeten Tonmeister verkroch ich mich fast eine Woche lang in eine Johanniterkirche bei Schwerin“, erzählt sie. Es wird eine ungeahnt schwere Aufgabe, die Ausbeute von vierzehn Jahren Schürfarbeit im Goldberg zusammenzutragen, eine Summe zu ziehen aus all den Erfahrungen, die ihr aus dem Stück schon erwachsen sind.

Die in der Schlichtheit der Form verborgene Intensität des Ausdrucks, sagt die Pianistin, bewege sie vor allem in Bachs Musik. Um jede Kopie zu vermeiden, hat sie sich andere Interpretationen nie vollständig angehört – auch nicht jene legendäre, die Glenn Gould im Juni 1955 in einer presbyterianischen Kirche in New York vollbrachte.

In der Johanniterkirche Groß Eichsen entsteht im Juni 1999 – im Jahre Vierundvierzig nach Gould – unter Ragna Schirmers Händen eine ganz und gar unprätentiöse, ungemein bedachtsame Deutung. Halb unfreiwillig macht sie dabei eine musikalische „Entdeckung der Langsamkeit“: Weil sie sich so intensiv und detailgenau wie nie zuvor jedem einzelnen Takt widmet, reduziert sie im Verlauf der Aufnahmesitzungen fast unbewußt ihr Grundtempo – eine Tendenz, die sich im halligen Kirchengewölbe weit weniger bemerkbar macht als auf dem fertig abgemischten Band. Am Ende ist sie selbst ein wenig überrascht vom meditativen Charakter ihrer eigenen Interpretation. Beim Label Berlin Classics weiß man gerade dies als Qualität zu schätzen und ist sofort zu einer Veröffentlichung bereit, als Ragna Schirmers Agentin das Band anbietet. Aus Platzgründen wird die 87 Minuten lange Aufnahme auf zwei CDs verteilt.

Andere Wege gehen

Ein Debüt, das unerwartet gut beim Publikum und dem überwiegenden Teil der Fachpresse ankommt. Doch wie soll es nach diesem Erfolg diskographisch weitergehen? Ragna Schirmer beschließt, ein völlig neues Terrain zu begehen, und diesmal hinterläßt sie eine einsame Spur in interpretationsgeschichtlich nahezu jungfräulichem Schnee. Ein Engagement mit dem Konzert für Klavier und Streicher von Alfred Schnittke im Mai 2000 bringt sie auf die Fährte: „In der Vorbereitung für das Konzert merkte ich, wie sehr mir die Musiksprache Schnittkes am Herzen liegt. Aus den Noten ergaben sich für mich unmittelbar Empfindungen. Ich hatte schon eine Violinsonate begleitet, kannte die Cellosonaten und das Klavierquintett. Als ich entdeckte, daß die drei Klaviersonaten erst in einer einzigen Aufnahme existierten, war mein Entschluß für die nächste CD gefaßt.“

Alfred Schnittke hinterließ nur verschwindend wenige Werke für Soloklavier. Lange schien es ihm unmöglich, einen eigenen Beitrag zur Gattung der Klaviersonate zu leisten. Erst gegen Ende seines Lebens, als die Erfahrung der Todesnähe durch den ersten von insgesamt fünf erlittenen Schlaganfällen ihn zu einer letzten konzentrierten Schaffensphase antreibt, komponiert er die drei Klaviersonaten. Die erste beginnt mit einer ätherisch verlorenen einzelnen Stimme, die nach einigen suchenden Takten zum viergestrichenen „g“ findet, das sich immer heftiger und insistenter wiederholt, bis die im Diskant hohl klopfende Klaviermechanik den Ton selbst gleichsam zu ersticken droht. Am Ende der heftig kontrastierenden Verläufe steht schließlich eine finale Katastrophe, auskomponiert in einem knapp drei Oktaven umfassenden Cluster über schwarze und weiße Tasten, mit beiden Unterarmen anzuschlagen – Verzweiflungsmusik von äußerster Intensität und Zerrissenheit. „Das Element des Clusters ist bei Schnittke ein differenziertes Stilmittel“, erklärt Ragna Schirmer, „das verschiedenste Bedeutungen haben kann. Oft sind diese Cluster zu ganzen Melodiefolgen aneinandergereiht, manchmal sind sie die Erweiterung eines einzigen zentralen Tones, in anderen Fällen wieder eine extreme Form von Mehrstimmigkeit. Manche spiele ich mit der Faust, andere mit dem weichen Fleisch der Innenhand oder den Armen.“

Heiteres Naturell

In vieler Hinsicht ist diese Welt der hochdifferenzierten Psychogramme, in der feinste Klanggebäude immer wieder in bodenlose Abgründe gewalttätiger Tonmassen stürzen, eine düstere Gegenwelt zu Bach – und doch auch wieder nicht. Ragna Schirmer sieht Parallelen in den klaren und logischen Strukturen, die sowohl in Bachs als auch in Schnittkes Musik verborgen sind. Schnittke gab seiner einzigen, lange vor den drei Sonaten entstandenden pianistischen Auseinandersetzung mit der Zwölftonmusik sogar die Form von Präludium und Fuge. Auch die Zahlensymbolik – für Bachs Musik ein konstitutives Element – spielt bei Schnittke hie und da eine Rolle, so zum Beispiel in der zweiten Sonate, deren ebenfalls katastrophischer Höhepunkt mit zwölf oder sieben wuchtigen Schlägen – der Interpret hat die Wahl – im Baß besiegelt wird.

So intensiv Ragna Schirmer sich auch in die von existentiellen Konflikten geschüttelte Seele Alfred Schnittkes einfühlen kann, sie selbst scheint glücklicherweise mit einem sonnigeren Gemüt gesegnet zu sein. Den heiteren und unbekümmerten Eindruck, den sie im Gespräch macht, spiegeln die Coverphotos ihrer CDs wider. Einige allzu konservative Zeitgenossen nahmen ihr indes übel, daß sie sich für einen der bedeutendsten Schätze „ernster“ Musik so ganz unernst und flott im knappen Spagettiträgerhemdchen ablichten ließ. „In dieser Hinsicht unterscheide ich mich überhaupt nicht von anderen jungen Leuten“ sagt sie, und bekennt offenherzig, daß sie das „Shooting“ von der ersten bis zur letzten Minute so richtig genossen hat. „Schon als Kind bin ich gerne schick angezogen über die Fußgängerzone flaniert, und auf meine ersten Stöckelschuhe war ich so stolz, daß ich sogar Tennis damit gespielt habe.“ Ihr Ziel ist es, als junge Interpretin ihre eigene Generation in Konzerte zu locken und von der Musik zu begeistern. „Die Klassik entstauben“, nennt sie das. Eine elementar wichtige Aufgabe, bei der man ihr nur allen erdenklichen Erfolg wünschen kann. Peter Schlüer

Auswahl-Diskographie Ragna Schirmer

Bach: Goldberg-Variationen BWV 988;

Berlin Classics 0017162BC

Schnittke: Klaviersonaten Nr. 1-3;

Berlin Classics 0017292BC

Peter Schlüer [1.11.2001]

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