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Wenn Beethoven auf Social-Media trifft

Semifinale Klaviertrio beim 67. Musikwettbewerb der ARD

Trio Marvin

Trio Marvin
Foto: Michael Hübner

Da die Vorgaben für das gestrige Semifinale der sechs im Wettbewerb verbliebenen Klaviertrios mit einem der beiden Werke aus Beethovens op. 70 und dem Pflichtstück Emojis, Chimes and Ringtones von Miroslav Srnka äußerst restriktiv waren, bietet es sich an, anhand der Werke zu berichten.

Anders als die durchaus dankbaren und wettbewerbsgerechten Nelly-Sachs-Epitaphe von Stefano Gervasoni für die Vokalisten dürften die rund 170 Takte des Srnka-Trios wohl kaum Repertoirechancen haben. Hier dienten sie offensichtlich dazu, die Befähigung der Kandidaten auf dem Gebiet avantgardistischer Spieltechniken (Mikrotonalität, Doppelgriff-Flageoletts im Pizzicato, Streichen hinter dem Steg und mit dem Bogenholz, Zupfen an der Zarge und an den Klaviersaiten sowie Entziffern von Ausführungsanweisungen für jeden einzelnen Takt) zu prüfen. Nichts gegen diese Effekte, wenn sie zur Unterstützung eines Affekts eingesetzt werden. Wenn man aber einzig eine quietschende Gartenpforte, Hundegejaule und gegen Ende sogar auch Telefonklingeln assoziiert, steht dem Aufwand des Einstudierens eine zu geringe Wirkung entgegen. Auch wenn man sich nach dreimaligem Hören mit Partitur leidlich orientieren kann, erscheinen die weiteren drei Male nicht weniger schmerzhaft.

Die frechste Variante bot hier das japanische Aoi-Trio, das sich nicht sonderlich um die Vorgaben scherte und mit wesentlich weniger Aufwand nahezu denselben Effekt erreichte wie die Top-Interpreten vom südkoreanischen Lux-Trio und vom internationalen Trio Marvin. Das ebenfalls internationale Trio Sora, das südkoreanische Trio Cascara und das deutsche Trio Adorno bemühten sich um die Umsetzung des komplexen Notentextes, ohne damit dem Publikum sonderliche Freude zu bereiten.

Die überzeugendste Interpretation von Beethovens Geister-Trio op. 70/1 gelang dem Trio Marvin. Hier stimmten die Tempi der Ecksätze von Anbeginn und wurden konstant beibehalten. Im Geister-Largo wurden endlich einmal die einleitenden sehr langsamen Viertelnoten auf die Eins des Folgetaktes gespannt und nicht – in Verkennung ihrer thematischen Relevanz – als beziehungsloser Vorhang präsentiert. Außerdem passte hier einzig die Klangbalance – auch aufgrund des herrlichen jeu perlé der Pianistin in den beiden Kadenzstellen, die ich mir allerdings rubatoseliger vorstelle. Bei den Adornos und dem Lux-Trio war das Klavier zu laut und der langsame Satz nicht ausreichend koordiniert. Außerdem unterliefen dem Pianisten der Adornos ein paar Unsauberkeiten.

Das Es-Dur-Trio op. 70/2 von Beethoven ist in manchen Aspekten janusköpfig. Es blickt im Kopfsatz auf Gregorianik und Stile antico zurück, verwendet im zweiten Satz die für Haydn typische Doppelvariationstechnik mit zingareskem Einschlag in den Moll-Episoden und weist im dritten – zwischen Menuett und Ländler oszillierenden – Satz auf den Schubert des Impromptus op. 90/4 voraus. Hier gelang dem Aoi-Trio eine in der Vereinigung dieser unterschiedlichen Charaktere mustergültige Interpretation. Dank des sensiblen Umgangs des zudem mit eleganten Trillern und feinen Farben glänzenden Pianisten mit den massigen Bass-Akkorden stimmte auch die Klangbalance. Gratulation auch an die Geigerin, die als einzige die heikle Triolenstelle im Finale lupenrein ablieferte. Ähnlich farbsatt und mit großer Musikzierfreunde agierte das Trio Cascara, während die drei Damen des Trios Sora es nicht vermochten, den Mittelsätzen den nötigen Schwung zu verleihen.

Im Finale treffen das Trio Marvin, das Lux- und das Aoi-Trio aufeinander.

Thomas Baack [14.9.2018]

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