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Licht und Schatten

Semifinale Gesang beim 67. Musikwettbewerb der ARD

Ylva Sofia Stenberg

Ylva Sofia Stenberg
Foto: Jo Titze

Von ursprünglich 64 angetretenen Gesangstalenten haben es acht in das Semifinale geschafft, von denen der Tenor Kai Kluge aber krankheitsbedingt absagte. Aus diesen wurden am vergangenen Abend die vier Finalisten ermittelt. Von jedem Semifinalisten wird der Vortrag zweier Arien in unterschiedlichen Sprachen und von unterschiedlicher Stilistik, sowie des Pflichtstücks Zwei Grabinschriften upon epitaphs by Nelly Sachs von Stefano Gervasoni gefordert. Gervasonis Komposition würde man beim ersten Hören in die Zeit des Buch der hängenden Gärten verorten. Die Stücke sind frei atonal mit gelegentlich erkennbaren tonalen Zentren. Sie sind in ihrer lyrischen Grundhaltung durchaus sanglich, da sie avantgardistische Stimmeffekte meiden, haben aber einen Umfang von über zwei Oktaven (gis-a2) und benötigen eine breite dynamische und farbliche Palette sowie einige Geschmeidigkeit in allerdings nur kurzen Koloraturen. Gestalterisch sind die Anforderungen hoch, so dass sich keine bleierne Düsternis über dem Publikum ausbreitet.

Wer konnte aber nun überzeugen? Hier meine persönliche Liste in aufsteigender Folge: Countertenor Rodrigo Sosa Dal Pozzo war mit seiner Mozart-Arie aus Mitridate überfordert, die Register wirkten unausgeglichen, sodass weite Sprünge nur durch eingeschobene „hs“ ausgeführt werden konnten, Staccati waren unpräzise, Triller nur angedeutet. Der Fledermaus-Orlowsky litt unter ungesund angebellten hohen Tönen.

Pureum Jo fehlte es für die Felsenarie der Fiordiligi an Substanz in der Tiefe. Weil sie den Klang ihrer Stimme zu sehr abdunkelte, war kaum ein Wort zu verstehen. Die Spitzentöne wurden bis an die Grenze der Schrillheit aufgerissen. Der Bass Alexander Roslavets müsste wegen der Stückauswahl (Rossini und Verdi, nur auf italienisch) eigentlich disqualifiziert werden, was schade ist, da er pralle Gestalten auf die Bühne brachte und seine Arien lebten, wenngleich sein eher körniger Stimmklang noch etwas auf Eleganz poliert werden sollte.

Die Mezzosopranistin Natalya Boeva tat sich mit der tiefen Tessitura von „But who may abide“ aus dem Messias keinen Gefallen. Hier wären brillantere Kadenzverzierungen und ein saubererer Kettentriller gefordert gewesen. Sie agierte als Ariadne-Komponist aber glänzend und mit strahlender Höhe. Haben wir hier eine zukünftige Kundry oder gar Isolde gehört?

Der Tenor Mingjie Lei bezauberte in „Spirto gentil“ aus Donizettis Favorita mit ansonsten nur noch in sehr alten Aufnahmen zu hörenden Belcanto-Finessen wie Smorzandi, Filaturen und Messa die voce. Aus dem Flamand-Sonett (Capriccio) – welch nette Referenz vor dem genius loci – machte er eine kleine Kostbarkeit. Beim Pflichtstück ließ er die Zeit stehen und zwang das Publikum zu intensivstem Hinhören.

Milan Siljanov bewies mit seinem in allen Lagen rund und voll klingenden Bassbariton in Haydns „Rollend in schäumenden Wellen“ (Schöpfung) hohe Stimmkultur, obwohl er mit der Phrasierung im Sinne des Texts im Rezitativ noch zu kämpfen schien. Er sang die große Arie des Fürsten Igor berückend klangschön und mit vielen dynamisch fein abgestuften Farbvaleurs. Man könnte ihn einen Belcanto-Schaljapin nennen. Zudem war er der Einzige, der das Pflichtstück auswendig vortrug.

Ylva Sofia Stenberg dürfte vor einer Weltkarriere als Soprano leggiero und als Interpretin Alter Musik stehen. Ich kann mich nicht entsinnen, „Zerfließe mein Herze“ aus Bachs Johannes-Passion jemals beseelter, technisch perfekter und historisch informierter (Bebung auf „Not“!) gehört zu haben. Wer danach eine sängerisch perfekte, in Gestik und Mimik frech agierte Norina präsentieren kann, hat sicherlich einen Preis verdient.
Die Entscheidung der Jury lautete: Die Finalisten sind Natalya Boeva, Mingjie Lei, Milan Siljanov und Ylva Sofia Stenberg.

Thomas Baack [11.9.2018]

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