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Schwierige Entscheidung

Finale Klavier beim 66. Internatiobnalen Musikwettbeewrb der ARD

Wie schon im Finale des Faches Violine ist auch im Finale der Pianisten das Repertoireangebot ein nicht zu unterschätzendes Problem. Man kann selbstverständlich nicht nur ein Werk vorschreiben, das einzelne Teilnehmer dann vielleicht nie studiert haben. Doch die beiden Stücke, die nun von den drei Pianisten im Finale gespielt werden, Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll und Peter Tschaikowskijs Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll, sind, wenn es um die Bewertung von Leistungen geht, nicht vergleichbar. Nicht nur sind sie technisch unterschiedlich schwer – Tschaikowskij ist viel virtuoser –, es kommt bei Beethoven die Komplikation hinzu, dass mittlerweile eine stilistische Bandbreite zwischen konventionell, historisierend und allerlei Zwischenstufen zur Auswahl steht, welche als eine Vorentscheidung, die in dieser Form bei Tschaikowskij nicht ansteht, eigentlich bei der Bewertung mit berücksichtigt werden müsste.

Der deutsche Finalist Fabian Müller hat denn auch damit zu kämpfen, dass sich der englische Dirigent Michael Francis nicht entscheidet, ob er das dritte Beethoven-Konzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks philharmonisch oder historisierend lärmend begleiten will. Natürlich hängt die Gestaltung seines Parts nicht direkt vom Orchester ab, doch es ist auch nicht möglich, gleichsam im luftleeren Raum zu musizieren. Im Kopfsatz macht sich eine subkutan spürbare Unsicherheit breit, die Müller vorsichtiger agieren lässt, als er es eventuell vorgehabt hat. Er meidet alle Extreme, sein Ton kann sich infolgedessen weniger individuieren als der seiner Mitstreiter, seine Realisierung erscheint zwar sympathisch, aber harmloser, blasser, als das bei einem so vielstrapazierten Werk eigentlich der Fall sein sollte. Erwähnt werden muss freilich auch, dass Müller sich im Laufe des Stückes steigert: Die Coda des langsamen Satzes gerät sehr intensiv, im Finale arbeitet er den grimmig-witzigen Kontrapunkt in der linken Hand bewusst heraus.

Der Südkoreaner JeungBeum Sohn hingegen, der im Semifinale den geistreichsten Mozart geboten hatte, wagt im Tschaikowskij-Konzert eindeutig zu viel. Er beginnt zwar sanft, ohne Donnern, übernimmt jedoch rasch die Führung und hat sich irgendwann so in das schnelle Tempo des Kopfsatzes hineingesteigert, dass wiederholt kleinere, doch hörbare Imperfektionen passieren. In all dem durchaus mitreißenden Furioso geht etwa in der linken Hand einiges verloren, was vielleicht auch an einer noch nicht ganz ausgereiften Einstudierung liegt. Dass Klavier und Orchester aber so oft und so eklatant auseinanderklappen, liegt an beiden Parteien: am Pianisten, der ohne Vorankündigung ausbüxt , aber auch am Dirigenten, der es an Reaktionsschnelligkeit fehlen lässt.

An die ausklügelte Realisierung des Japaners Wataru Hisasue reichen beide nicht heran. Sein kerniger Anschlag, der selbst im Dolce noch Akzente setzt und auch bei Pedalgebrauch zu distinkten Gestalten führt, begeistert geradezu, nicht zuletzt, weil er hilft, an Tschaikowskijs Konzert ein rhythmisch anspringendes Moment heraus zu arbeiten, dem man im Konzertbetrieb nun wirklich nicht alle Tage begegnet. Im Diskant ist Hisasues Ton silbrig – ein wenig erinnert er an den frühen Michelangeli, immerhin! –, er kann ihn klein halten und sich dennoch mühelos gegen das Orchester durchsetzen. Nicht zuletzt zeigt er, wenn er die zeitlich ausgreifenden Kadenzen straff zusammenfasst, eine Energie, die er bei Mozart noch hat vermissen lassen. Gegenüber seinem Mitstreiter Sohn nimmt er sich vielleicht etwas kontrollierter aus, als er wirklich ist. Wenn er seine an sich wertvolle Disziplin künftig momentweise nur ein wenig lockert, ist von ihm noch Großes zu erwarten.

Um so unverständlicher ist nach dem Gehörten die Entscheidung der Jury: Wataru Hisasue wird mit dem 3. Preis abgespeist, Fabian Müller erhält den 2. Preis und den Publikumspreis, JeungBeum Sohn den 1. Preis. Das kann man sich nur damit erklären, dass zusätzlich zur tatsächlichen Leistung dieses Abends noch Erinnerungen an die Errungenschaften der Vorrunden in die Bewertung mit einflossen. Ähnlich wie nach dem unangemessen frühzeitigen Ausscheiden von Kim Honggi zeigt sich ein weiteres Mal, dass diese Jury so wesentliche Eigenschaften wie Anschlagskultur und Individualität der Tongebung nicht genügend anerkennt.

Michael B. Weiß [9.9.2017]

Bechsteinkonzert

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