Klassik Heute - Ihr Klassik-Portal im Internet

Über uns | Impressum | Kontakt | Sitemap

Texte

Mozart aus fernöstlicher Sicht

Semifinale im Fach Klavier beim 66. Internationalenv Musikwettbewerb der ARD

Wären nur Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzerte auf dem Programm gestanden, man hätte nach dem diesjährigen Semifinale des ARD-Musikwettbewerbs Mühe, drei preiswürdige Kandidaten zu benennen. Gleich vier von den sechs Semifinalisten können mit Mozart kaum etwas anfangen. Allzu brav und jeder auf eine leicht differierende Weise unauffällig ziehen sie sich bei der Gestaltung ihres Klavierparts auf bloße Geläufigkeit und ausgeglichene Tongebung zurück.

Fabian Müller aus Deutschland, Junhyung Kim aus Südkorea sowie die beiden japanischen Teilnehmer Wataru Hisasue und Kazuya Saito vergessen sämtlich die Polyphonie des Mozart´schen Satzes, vernachlässigen die linke Hand, die kaum einmal Akzente setzt, und reagieren nicht auf die Bilder und Affekte, die Mozart zwar subtil, aber doch auskomponiert hat. Alle haben zudem Probleme, sich gegenüber der Begleitung durch das Münchener Kammerorchester durchzusetzen, das freilich – ohne Dirigent – auch durchgehend zu laut spielt.

Sind in den ersten beiden Durchgängen möglicherweise vielversprechende Kandidaten durch das Raster gefallen – nicht zuletzt vielleicht auch Kandidatinnen? Von den gut 25 weiblichen Teilnehmern hat es keine in das Semifinale geschafft.

Nur zwei der Semifinalisten, Honggi Kim und JeungBeum Sohn, beide aus Südkorea, können sich in ihren Soloparts genügend individuieren. Kim verfügt über eine herausragende Anschlagskultur und einen wirklich einzigartigen, bestens gewichteten, kostbaren Ton, der darüber hinweg hilft, dass er im Konzert A-Dur KV 488 nicht genügend führt und letztlich zu keiner eigenen Deutung dieses so berühmten Stückes mit seinem abgründigen langsamen Satz findet. Genau diese bietet sein spielerisch hochintelligenter Landmann Sohn, der sich für dasselbe Konzert mehr Zeit nimmt, dem Adagio dadurch Tiefe und eine greifbare Aura verleihen kann und überhaupt die Gestalthaftigkeit der Musiksprache Mozarts, seine Expressivität, den Sinn der Phrasen versteht. Sein Ton freilich ist alltäglicher als derjenige Kims, momentweise stellt sich eine gewisse Schwerfälligkeit ein, wenngleich Sohn im Finale noch einmal frische Energie zuschießen kann.

An Mozart scheitert also mehr als die Hälfte der Kontestanten. Doch dann ist da ja auch noch die Auftragskomposition dieser Runde, „Did it again“ des renommierten französischen Komponisten Pascal Dusapin, Jahrgang 1955, ein Stück, das durchaus Effekt macht, wenngleich es über große Strecken hinweg wie improvisiert und dann einfach niedergeschrieben wirkt; es stören nicht nur die Zufälligkeit der Töne und einige in puncto Stimmführung ungeschickte Passagen, sondern auch die unreflektiert allusive, unentschieden zwischen Impressionismus und latenten Jazz-Anklängen schwankende Tonalität. Wataru Hisasue jedoch kann hier nachdrücklich auf sich aufmerksam machen, weil er das notenreiche Stück auswendig vorträgt und dadurch mit großer Freiheit, Konzentration und nicht zuletzt einer meisterlichen Pedalregie tief durchdringt. Mit diesem Coup kann allenfalls die virtuose Darstellung von Honggi Kim mithalten.

Es ist daher überraschend, dass die Jury, bestehend aus Idol Birett, Cecile Leica, Zhu Xiao-Mei, Anne Queffélec, Herbert Schuch, Tamara Stefanovich unter dem Vorsitz von Bruno Canino, Honggi Kim nicht in das Finale vorgelassen hat. Mit dabei sein wird hingegen Fabian Müller, der sich mit einem moderneren und technisch anspruchsvolleren Werk vielleicht besser entfalten kann. Auch die Leistungen von JeungBeum Sohn und Wataru Hisasue wurden belohnt, was auch zu erwarten war.

Michael B. Weiß [6.9.2017]

Bechsteinkonzert

⇑ nach oben

AGBs Impressum Kontakt Mediadaten Sitemap Datenschutz

© Klassik Heute

jpc