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Abschied von Manfred Jung

Gedenkkonzeret des jungen Tonkünstler Orchesters

Gedenkkonzert am 8. Juli 2017 in Mülheim

Gedenkkonzert am 8. Juli 2017 in Mülheim
Foto: Sonja Schwechten

Als Gedenkkonzerte waren die Auftritte des Jungen Tonkünstler Orchesters am 8, und 9. Juli in der Mülheimer Petrikirche und der Päpstlichen Marienbasilika zu Kevelaer ursprünglich nicht geplant. Der schon seit längerem schwer kranke Dirigent und Leiter der Jungen Musiker Stiftung, Manfred Jung, hatte geglaubt, sie noch selbst leiten zu können. Doch ist er am Karfreitag seinen Leiden erlegen. Mit der posthumen Ehrung, die ihm nun durch „seine“ jungen Musiker zuteil wurde, konnte er aber zufrieden sein, denn sie war geprägt von der Liebe und dem Engagement, zu dem er sie all die Jahre hinzuführen versucht hatte.

Das Programm hatte klare Bezüge zu der zehnjährigen Arbeit des Orchesters und ihres verstorbenen Chefs. Ich erinnere mich gerne an das erste Konzert im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth im Festspielsommer 2007, wo Gedenkkonzert am 8. Juli 2017 in Mülheim
Gedenkkonzert am 8. Juli 2017 in Mülheim
Foto: Sonja Schwechten
Wagners Siegfried-Idyll den Auftakt zu vielen folgenden musikalischen Höhenflügen gab. Die Musiker von damals sind heute zum größten Teil in guten Orchestern untergekommen, und die international bunt gemischte Formation, die diesmal zum Einsatz kam und in allen Positionen gut bis hervorragend besetzt war, weckte wiederum Hoffnungen für das gute Weiterkommen der jungen Musiker.

Beethoven war ein besonderes Anliegen Manfred Jungs, seine mitreißenden Aufführungen der 6. und 7. Sinfonie sind noch in frischer Erinnerung. Und er hätte jetzt im Juli, gleichsam zu seinem 77. Geburtstag, auch die 4. noch sehr gerne dirigiert. An seine Stelle trat nun Hannes Krämer, Geiger der Bamberger Symphoniker und seit vielen Jahren auch am Pult erfolgreich. Er hat ein anderes Musikertemperament als Jung, das ich als ausgesprochen sanguinisch bezeichnen würde, und er hat eine pädagogisch sehr geschickte Art, mit den jungen Tonkünstlern aufbauend umzugehen. Das hatte sich schon in den Kirchen-Konzerten im vergangenen November gezeigt.

Das Siegfried-Idyll erklang hier natürlich nicht in der Kammerfassung, wie sie Wagner Weihnachten 1870 seiner Cosima auf der Treppe seines Landhauses in Tribschen bei Luzern gleichsam als Ständchen brachte, sondern in der heute gewohnten Orchesterfassung, in der die Verweise auf seine Siegfried-Oper und den Ring im Ganzen sich geltend machen. Das Orchester überzeugte hier mit sattem Streicherklang und feinen Bläsersoli und musizierte insgesamt mit frischem hymnischem Schwung. Diese Qualitäten zeichneten auch die Wiedergabe der vierten Beethoven-Sinfonie aus, bei der Krämer zügige, vorwärts drängende Tempi nahm.

Das Orgel-Intermezzo wurde an beiden Abenden nahtlos an das Siegfried-Idyll angeschlossen. In Mülheim setzte Gedenkkonzert in Kevelaer am 9. Juli 2017
Gedenkkonzert in Kevelaer am 9. Juli 2017
Foto: Sonja Schwechten
dabei der Choral II in h-moll von César Franck einen dramaturgisch reizvollen Kontrast, da der belgisch-französische Komponist ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Wagner hatte und sich in seinen Orgelkompositionen an Johann Sebastian Bach orientierte. Gijs Burger, Musikdirektor der evangelischen Petri-Kirche, interpretierte ihn souverän und - man möchte sagen: - mit protestantischer Klarheit. Anderes ereignete sich in Kevelaer. Die Seifert-Orgel der dortigen Marienbasilika, mit ihren 135 Registern die weltweit größte, ist allein schon einen Konzertbesuch wert. Und Elmar Lehnen, der mit dem Jungen Tonkünstler Orchester bereits die Orgelkonzerte von Poulenc und Rheinberger zur Aufführung gebracht hatte, ist ein wahrer Virtuose auf diesem Instrument. Er steuerte zu diesem Gedenkkonzert eine 15minütige Improvisation über Ave Maris Stella bei, einen Kirchengesang, den man bei uns unter dem Titel „Meerstern, ich dich grüße, o Maria hilf!“ kennt. Es handelt sich um einen lateinischen Hymnus, der im Stundengebet der Katholischen Kirche zur Vesper an Marienfesten gesungen wird. Lehnen entwickelte diesen schlichten Gesang zu ungeahnt dramatischem Meeresgetöse, das den riesigen Kirchenraum schier zum Bersten brachte.

Die Akustik der Marienbasilika mit ihrem sehr starken Nachhall war der abschließenden 4. Sinfonie in B-Dur von Ludwig van Beethoven allerdings weniger günstig. Hier gingen vor allem in den schnellen Sätzen viele Feinheiten verloren, stürzten die Klänge mitunter völlig ineinander, wo im intimen Raum der Mülheimer Petrikirche gerade die ausgewogene Balance zwischen den Instrumentengruppen und die differenzierte Dynamik überzeugt hatten.

Die Aufführung in Mülheim war bedauerlicherweise sehr schlecht besucht, was wohl auch auf ein Versagen der örtlichen Presse zurückzuführen ist, der Begeisterung der Gekommenen tat das jedoch keinen Abbruch. In Kevelaer, wo die Zeichen auf klangliche Überwältigung standen, waren dann auch die Publikumsreaktionen entsprechend. Dass die Arbeit der Stiftung ohne Manfred Jung weitergeht, ist indessen mehr als fraglich.

Ekkehard Pluta [13.7.2017]

Bechsteinkonzert

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