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Ein demütiger Held

Zum Tod des Sängers, Dirigenten und Musikerziehers Manfred Jung

Manfred Jung

Manfred Jung
Foto: Peter Zirker

Bis zuletzt hatte er gehofft, im Sommer noch einmal ein Symphoniekonzert mit seinem „Jungen Tonkünstler Orchester“ in Bayreuth leiten zu können. Doch am Karfreitag, dem 14. April, ist Manfred Jung, weltberühmt geworden in den beiden Siegfried-Rollen in Patrice Chéreaus Bayreuther „Jahrhundert-Ring“, im Alter von 76 Jahren seinem langen Krebsleiden erlegen.

Seit 2006 hatte er als Manager, Dirigent und Pädagoge die künstlerische Leitung der „Jungen Musiker Stiftung“ inne, über deren Aktivitäten auf dieser Seite regelmäßig berichtet wurde. In den letzten drei bis vier Jahren hat er durch eiserne Energie und Disziplin dem Tod immer wieder ein Schnippchen schlagen können, seinem schon schwer gezeichneten Körper immer neue und bewegende Konzerte abgetrotzt.

Als Sänger hat er so ziemlich alles erreicht, was man in einem Sängerleben erreichen kann. Doch verlief seine Karriere in langsamen, aber stetigen Schritten. Das Junge Tonkünstler Orchester - beim Konzert zur "Schöpfung"
Das Junge Tonkünstler Orchester - beim Konzert zur "Schöpfung"
Foto: Peter Zirker
Zum Theater kam der am 9. Juli 1940 in Oberhausen geborene Tenor als Beleuchter in Essen und Bayreuth. Seine Gesangsausbildung erhielt er an der Folkwang-Schule in Essen. Nach dem Debüt an der Kölner Kammeroper (1968) und einzelnen Stückverträgen erhielt er ein Festengagement als lyrischer Tenor in Dortmund (1971-75), wo er 27 Partien sang. Nach einer Zwischenstation in Kaiserslautern, wo er schon ins lyrisch-dramatische Zwischenfach (Max, Don José) vorstieß, wurde er 1976 an die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg engagiert, der er bis zur Pensionierung des Intendanten Grischa Barfuß (1988) als festes Ensemblemitglied angehörte. Da war er längst ein berühmter Mann. Denn seine Mitwirkung im Chéreau-Ring, der 1979/80 auch als Film festgehalten wurde, machte seinen Namen weltweit bekannt.

Von Bayreuth aus startete er dann eine große internationale Karriere, sang Siegfried und Tristan an der Met, diese und andere Wagner-Partien auch an den Staatsopern von Stuttgart, München, Hamburg und Wien sowie in Paris, Brüssel, Madrid, Barcelona und Warschau. In den 90er Jahren war er immer häufiger in Partien des Charakterfachs zu erleben: in Bayreuth wechselte er vom Siegfried zum Mime (1994-98), in Partien wie Herodes und Aegisth war er im In- und Ausland gefragt. Er erweiterte sein Repertoire in dieser Zeit verstärkt mit Musik des 20. Jahrhunderts: Schönberg, Berg, Weill, Penderecki, Webber.

Noch auf dem Höhepunkt seiner Sängerlaufbahn übernahm Jung 1989 die Leitung der Städtischen Chorgemeinschaft Herne, in deren Konzerten er auch als Orchesterdirigent hervortrat und sich sogar an schwere Brocken wie Beethovens Neunte heranwagte. Mit diesen Erfahrungen war er gut gerüstet für seine Altersaufgabe als künstlerischer Leiter der 2006 in Liechtenstein ins Leben gerufenen Jungen Musiker Stiftung, die seinen Einsatz als Dirigent, Pädagoge und Musiker in einer Person erforderte.

Demut gegenüber der Kunst, die sie Der Dirigent des Jungen Tonkünstler Orchesters Manfred Jung
Der Dirigent des Jungen Tonkünstler Orchesters Manfred Jung
Foto: Peter Zirker
ausüben dürfen, predigte Jung nicht nur seinen Musikern und Schützlingen, sondern er lebte sie selbst in der eigenen Arbeit vor. Ich erinnere mich gern an die zahlreichen Konzerte unter seiner Leitung, in denen er - völlig dem Augenblick des Musizierens hingegeben - mit einem Minimum an äußerem Bewegungsaufwand ein Maximum an erfülltem, innigem Klang hervorzurufen wusste. Ob in Bachs Johannes-Passion, Händels Messias, Brahms’ Deutschem Requiem oder in der 6. und 7. Sinfonie Beethovens.

Und auch seine Gesangslektionen bleiben mir in bester Erinnerung. Wie pingelig, hartnäckig und streng, aber zugleich wie liebevoll und geduldig er den jungen Sängern etwas zu vermitteln versuchte, was sie in den Hochschulen heute nur noch in Ausnahmefällen gelehrt bekommen: äußerste Notentreue, genaue Einhaltung auch der dynamischen Angaben und plastische, eloquente Gestaltung der gesungenen Texte. Tugenden, die im gegenwärtigen Musikbetrieb, in der unverbindlicher Schönklang oft bevorzugt wird, verloren zu gehen drohen.

Ekkehard Pluta [21.4.2017]

Bechstein Konzert

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